Warum ich nicht mehr dankbar sein will, dass ich hier leben darf..

Lena Gorelik wurde 1981 in Sankt Petersburg geboren und kam 1992 mit ihrer russisch-juedischen Familie nach Deutschland.  Die Schriftstellerin hat nun ihr zweites Buch mit dem Titel “Sie können aber gut Deutsch!”: Warum ich nicht mehr dankbar sein will, dass ich hier leben darf, und Toleranz nicht weiterhilft herausgebracht.

Hier ist die Kurzbeschreibung:

Wie Migranten Deutschland verändern und warum das gut ist
Lange hat man hierzulande so gut wie gar nicht über Integration diskutiert. Dann lösten Thilo Sarrazins umstrittene Thesen über Migranten heftige Reaktionen aus. Was viele vergessen, so Lena Gorelik – die selbst Kind russischer Einwanderer ist –, wir leben längst in einer ethnisch gemischten Gesellschaft. Wir müssen nur dahin kommen, es als Stärke zu begreifen und davon zu profitieren.In Deutschland leben seit vielen Jahrzehnten Menschen, deren Wurzeln in anderen Regionen der Welt liegen. Sie sind Teil dieses Landes und wollen sich diese Zugehörigkeit auch nicht absprechen lassen. Lena Gorelik ist eine von ihnen. Anfang der 1990er-Jahre siedelte sie mit ihrer Familie von Russland nach Deutschland über. In diesem persönlichen, ehrlichen Buch beschreibt sie, wie es ist, fremd zu sein in Deutschland. Wie Integrationsdebatten garniert mit Sätzen wie »Du bist doch nicht gemeint!« einem den Boden unter den Füßen wegreißen. Und warum Deutschland davon profitieren wird, wenn man aufhört, ganzen Gruppen von Menschen das Recht abzusprechen, dazu zu gehören. Denn wir leben und gestalten längst ein gemeinsames Deutschland.
Der Jüdischen Allgemeine hat sie ein sehr interessantes Interview gegeben, welches ich ungekuerzt veroeffentlichen moechte. Interessant deshalb, weil sich die Erfahrungen der Juedin fast 1:1 mit den der muslimischen Deutschen/Migranten decken.
Frau Gorelik, Ihr neues Buch »Sie können aber gut Deutsch!« befasst sich mit Migranten in Deutschland, auch anhand eigener Erfahrungen. Dabei taucht Ihre jüdische Identität nur selten auf. Meistens reden Sie von sich als »Russin«. Wieso?

Mein letzter Roman »Lieber Mischa … Du bist ein Jude« drehte sich ja nur um dieses Thema, deswegen war mir das bei diesem Buch jetzt nicht so wichtig. Hier ging es mir einfach um Migration als Gesamtprozess, um alle Migranten in diesem Land. Bei mir berichte ich von diesem russischen Teil, weil ich da bestimmte Begegnungen hatte, die ich beim jüdischen Teil nicht hatte.

Mitten in die Arbeit an dem Buch platzte die Sarrazin-Debatte. Der wollte die »genetisch intelligenteren« russisch-jüdischen Migranten zu Vorzeigeausländern machen, im Gegensatz zu Türken und Arabern. Wie fanden Sie das?
Diese Aussagen über IQ fand ich einfach absurd und dumm, die machten mir nicht viel aus. Mich hat viel eher getroffen, wie viele Menschen Sarrazin beipflichteten, auch solche, bei denen ich das vorher nicht für möglich gehalten hätte.

Hatten Sie den Eindruck, dass diese Debatte um Gene und Vererbung bei den Leuten etwas zum Klingen gebracht hat?
Das sagt natürlich niemand so klar. Aber damit hat Sarrazin bei vielen schon einen Punkt getroffen. Das hat er dann zwar wieder relativiert, nachdem er dafür angegriffen wurde. Aber in der Bevölkerung sind viele darauf angesprungen. Das Klischee, dass alle Muslime dumm und faul sind, hat vielen ganz gut in den Kram gepasst.

Die Reaktion war oft »Endlich sagt’s mal einer!« Hat Sie das überrascht?
Ja, wahnsinnig, weil sie von so vielen kam. Es gibt immer Leute, die Beifall klatschen, klar. Aber die Art, wie Sarrazin hochgejubelt wurde, dass auch von Intellektuellen Zuspruch kam, und dann auch noch mit dieser Mitleidsdebatte, »der arme Sarrazin soll mundtot gemacht werden«, das hat mich vollkommen getroffen. Damit hätte ich nie gerechnet. Vielleicht, dachte ich, stimmt etwas an meinem Bild von Deutschland ganz gewaltig nicht.

Was für ein Bild war das?
Dass Deutschland ein inzwischen von vielen Kulturen geprägtes Land ist, zu dem wir alle mit unseren verschiedenen Herkünften und Interessen gehören. Mir war klar, dass es Leute gibt, die das nicht gut finden, die sagen »Deutsch ist Deutsch«, aber ich dachte, deren Anteil wäre wesentlich geringer. Als ich dann das Gefühl hatte, dass ich vielleicht hier gar nicht so willkommen bin, wie ich immer dachte, musste ich mein Bild von Deutschland sehr revidieren. Das beschäftigt mich noch immer.

Sie werden oft in Schulen zu Lesungen eingeladen, wo die Lehrer Ihnen über ihre ausländischen Schüler sagen: »Die sprechen hier alle kein Deutsch und mögen Bücher eh nicht.« Ist das nur ignorant oder schon xenophob?
Es geht tatsächlich um Xenophobie. Ich bin nicht naiv und sage, dass alle türkischen Migranten aus den Ghettovierteln Literatur studieren wollen. So blauäugig bin ich auch nicht. Die Lehrer, mit denen ich da spreche, verbringen aber jeden Tag mit diesen Schülern. Sie scheinen sie sich überhaupt nicht anzusehen, denn wenn sie das täten, würden sie merken, dass diese Schüler nicht per se alle faul und dumm und uninteressiert sind. Das kann nur aus so einer »Ich weiß schon, wie die sind«-Haltung entstehen. Man hat ein Bild im Kopf, das zu revidieren man nicht bereit sind. Das hat Folgen. In dem Buch erzähle ich von einer Elfjährigen, die mir sagte: »Aber ich kann doch keine Schriftstellerin sein, ich bin doch nur eine Ausländerin.«

Offenbar gibt es einen massiven Unterschied zwischen der Selbstwahrnehmung vom guten Deutschen, der alle in der »Bunten Republik« willkommen heißt und der Realität im Alltag.
Ich glaube, diese Selbstwahrnehmung gibt es gar nicht. Diese Leute würden gar nicht behaupten, dass sie so offen sind. Die sagen: Was machen die ganzen Türken bei uns in der Schule? Die lehnen Einwanderung als Ganzes ab. Oder sie sind nur dann dafür, wenn sich jeder Einwanderer bereit erklärt, komplett deutsch zu werden, wie immer das auch gehen mag.

Und das Image von Deutschland als offenem Land, das im WM-Sommer 2006 zelebriert wurde?
In einem bayrischen Dorf hat die Lehrerin an der Hauptschule vielleicht wirklich 2006 die WM gefeiert, aber sie hätte nicht gewollt, dass diese ganze Welt bei uns länger bleibt. Es war ihr schon ganz recht, dass die alle wieder abgereist sind. Und dann gibt es die wohlhabenden Sarrazin-Beifallklatscher in München im Literaturhaus, die sagen würden, dass sie für die Öffnung der Kulturen sind und die Welt bereist haben, aber auf einer sehr tiefen Ebene doch wahnsinnige Urängste haben, man könnte ihnen etwas wegnehmen. Vielleicht, weil man ihnen seit der Kindheit vermittelt hat, dass Deutschland schon immer deutsch war. Da gibt es dieses Deutschtum-Gefühl mit deutschen Werten.

Wie erleben Sie selbst diese »deutschen Werte«?
Auf einer ganz banalen Ebene dauert es unheimlich lange, bis man in Deutschland zu Leuten mal nach Hause eingeladen wird. Diese Verschlossenheit, die sich da bereits zeigt, ist für mich schon typisch deutsch. Die verstört mich, da merke ich: So deutsch will ich niemals werden.

Ziehen Sie Konsequenzen aus Ihrem revidierten Deutschlandbild?
Auswandern werde ich nicht. Eine mögliche Konsequenz wäre, das, was ich gelernt habe, erst einmal anzunehmen und mein Deutschlandbild so zu vervollständigen. Eine andere wäre der Gedanke, dass sich das vielleicht mal ändert. Eventuell kann ich selbst dazu beitragen. Das Buch könnte ein kleiner Anfang dafür sein. Vielleicht gibt es da draußen Leute, die das ähnlich sehen wie ich.