Stellungnahme zu der Studie “Lebenswelten junger Muslime”

Eine neue Studie ueber die Muslime in Deutschland sorgt wieder einmal fuer Wirbel. Wie bei allen anderen Studien auch, pickt sich jede Fraktion die noetigen Passagen heraus, um die eigene Agenda durchzusetzen. Was ich  merkwuerdig finde ist, dass es ausgerechnet die Bild-Zeitung war, die so eine wichtige und ‘brisante’ Studie vorab mit ihren ueblichen Schlagzeilen in Grossbuchstaben veroeffentlichen durfte. Natuerlich wurden all die positiven Entwicklungen in der Studie ausser Acht gelassen.  Dazu schrieb DIE ZEIT:

[…]Alarm, Alarm: Ein Viertel der jungen ausländischen Muslime will sich hier nicht integrieren, findet Gewalt gut und lehnt unser westliches Leben ab. Immer radikaler werden die jungen Muslime. So kommt es rüber, wenn das Bundesinnenministerium eine von ihm in Auftrag gegebene Studie über die Lebenswelten von jungen Muslimen ausschließlich der Bild-Zeitung vorab zur Veröffentlichung überlässt. Die Richtung ist vorgegeben inklusive Drohung von Innenminister Hans-Peter Friedrich: “Wer Freiheit und Demokratie bekämpft, wird hier keine Zukunft haben.”[…]

Auch die Verfasser der Studie warnten davor, die Studie populistisch auszuschlachen. DIE ZEIT schreibt:

[…]An der Friedrich-Schiller-Universität in Jena ist man fassungslos: Eineinhalb Jahre hat ein Team aus Psychologen, Soziologen und Kommunikationswissenschaftlern akribisch geforscht. Wie es wirklich steht um die Lebenswelten junger Muslime in Deutschland, das wollten die Wissenschaftler gemeinsam mit Kollegen anderer Universitäten und einem Sozialforschungsinstitut herausfinden.

Die Forscher haben möglichst genau gearbeitet. Sie wollten endlich empirisch belastbare Aussagen treffen können. Eine 750 Seiten starkeSchrift ist entstanden, die am Donnerstagmittag veröffentlicht werden sollte.

Doch dann das: “Studie belegt: Jeder fünfte Muslim in Deutschland will sich nicht integrieren”, schrieb schon am Donnerstagmorgen die Bild-Zeitung. Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) erhob in dem Zeitungsbericht sogleich den mahnenden Zeigefinger: “Wer Freiheit und Demokratie bekämpft, wird hier keine Zukunft haben.”[…]

Ärger wegen einseitiger Darstellung

Die Mitarbeiter der Studie seien “emotional erregt” gewesen über dieses einseitige Urteil, sagt Projektleiter Wolfgang Frindte ZEIT ONLINE. “Da ist ein kleines Detail in den Mittelpunkt gerückt worden”, betont der Jenaer Professor für Kommunikationswissenschaften. Denn das sehr komplexe Forschungsergebnis lässt sich nicht in eine knackige Überschrift fassen. Es ist vielmehr so ambivalent wie das Leben. Das Resümee der Forscher besagt nämlich vor allem eines, etwas eher Altbekanntes: “Integration ist ein wechselseitiger Prozess, der nur bei gemeinsamem Engagement sowohl der Migranten als auch der deutschen Mehrheitsbevölkerung gelingen kann.” […]

Ich moechte auch die Stellungnahme zu der Studie der Humbold-Universitaet Berlin empfehlen. Das Team um Naika Foroutan hat innerhalb kurzer Zeit die 760-Seiten Studie durchgearbeitet. Hier sind einige Auszuege davon:

[…]Nun mißt die vorliegende Studie die 4. Dimension – nämlich die identifikatorische (emotionale) Ebene. Dazu führen die Autoren einen sogenannten Diskrepanz-Index ein, der die Distanz zwischen „Kultur bewahren“ und „Kultur übernehmen“ messen soll. Die Antwortitems sind dann z.B.: (S.115)

  • „Wir Menschen aus [Herkunftsland]* sollten in Deutschland die Kultur unseres Herkunftslandes bewahren.“

UND

  • „Wir Menschen aus [Herkunftsland] sollten die deutsche Kultur übernehmen.“

Die Diskrepanz zwischen diesen beiden Werten wird dann als Integrationsindikator gemessen. Das heißt also, wenn Jemand z.B. zu 5 Punkten zustimmt, dass Menschen aus der Türkei in Deutschland die Kultur ihres Herkunftslandes bewahren sollen und zu 0 Punkten zustimmt, daß sie die deutsche Kultur übernehmen sollten, dann gilt er nach dieser Messung als stark distanziert gegenüber Integration und nach medialer Übersetzung als Integrationsverweigerer.

Der Eindruck entsteht, als ob die Meßlatte für eine gelungene Integration stetig angezogen werde, so daß sich der Frustrationsmoment einer NIE abschließend gelingenden Integration speziell bei Menschen mit muslimischem Hintergrund in Deutschland einstellt. Sind Erfolge im Bildungssektor, Arbeitsmarkt, bei Freundschafts- und Nachbarschaftskontakten, bei Vereinsmitgliedschaften und Sprache nachweisbar – reicht dies für die gesellschaftliche Wahr-nehmung noch immer nicht, um integriert zu sein – nein jetzt geht es um das GEFÜHL zur deutschen Kultur und somit die Bereitschaft zu ihrer Übernahme (siehe Items oben). Dies ist wissenschaftlich durchaus nachvollziehbar – denn das Zugehörigkeitsgefühl – als sense of belonging – ist tatsächlich für die Messung von sozialer Kohäsion sehr wichtig. Allerdings ist dieses nicht einseitig meßbar – es hängt IMMER von der Bereitschaft der Aufnahmege-sellschaft ab, auch Zugehörigkeit zu signalisieren. […]

[…]Überraschend ist z.B., dass auf den 760 Seiten das Wort Abitur nicht ein einziges Mal auf-taucht, was zunächst mal darauf schließen läßt, daß für diese Studie der Bildungsfaktor als Integrationskriterium keine Rolle spielt. Überraschend, da es sich bei der Hälfte der Befragten um Schüler handelt (49% bei den deutschen Nichtmuslimen, 67% bei den deutschen Muslimen sowie 57% bei den nichtdeutschen Muslimen, S.135) aber eine Tabelle zur Bil-dungsbeteiligung nicht gesichtet wurde. Ob und inwiefern dieser zentrale Indikationsfaktor (Bildung) in die Analysen zur Integration einfliesst, ist nicht erkenntlich. Dies ist für eine Studie, die medial vor Allem als Aussage zu Integration gelesen wird zumindest überra-schend, bildet doch der Faktor Bildung einen zentralen Meßwert für Integration. […]

[…]Die Autoren weisen selbst auf die Schwächen in der Repräsentativität ihrere Studien hin:

„Wichtig ist an dieser Stelle, noch einmal darauf hinzuweisen, dass diese und die folgenden Prozentangaben keinesfalls weder auf alle in Deutschland lebenden Muslime im Allgemeinen noch auf alle in Deutschland lebenden jungen Muslime im Alter von 14 bis 32 Jahren hochgerechnet werden können und dürfen.“ (S. 277)

Entsprechnd beruhen die Zahlen, die in den Medien kursieren auf geringen Fallzahlen und sind nicht repräsentativ für die in Deutschland lebenden Muslime

  • Die 15,4% der „deutschen Muslime“ die als „streng Religiöse mit starken Abneigun-gen gegenüber dem Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz ohne Integrationsten-denz“ (S.293) bezeichnet werden beruhen auf 25 Personen aus 162 Personen. (Abb. 53 auf S. 275)
  •  Bei den „deutschen Nicht-Muslimen“ werden anhand von 200 Befragten auf schätzungsweise 16-17 Millionen deutsche Nichtmuslime zwischen 14-32 Jahren geschlossen (S.144).
  •  In der Gruppe der nichtdeutschen Muslime finden sich laut Studie ca. 52Prozent, die Integration mehr oder weniger befürworten, aber auch 48 Prozent mit starken Separationsneigungen. Diese 48% basieren allein auf den Indikatoren zur Akkulturationszielen (S.188). Sprich: hier landet eine Zahl von knapp 50% im öffentlichen Diskurs, die sich einzig auf die beiden Aussagen zu Kulturakzeptanz stützt (!)„Wir Menschen aus [Herkunftsland]* sollten in Deutschland die Kultur unseres Herkunftslandes bewahren.“ „Wir Menschen aus [Herkunftsland] sollten die deutsche Kultur übernehmen.“

[…]15% der Befragten in der Gruppe der deutschen Muslime lassen sich also mit dem gewählten Verfahren als „extremistisch“ einstufen. An dieser Stelle ist wiederum die geringe Stich-probenzahl zu kritisieren. Diese scheint darin begründet zu liegen, dass viele Befragte sich schlichtweg geweigert haben, die entsprechenden Fragen zu beantworten (19% Personen mit unvollständigen Antworten in der deutsch-muslimischen Stichprobe, 9% in der nicht-deutschen).

Hier besteht somit die Gefahr einer Überschätzung des Radikalisierungsgrades. 162 Befragte konnten für die Ermittlung dieser Zahl herangezogen werden (S. 275, Abb. 53). Davon werden 25 (!) Befragte dieser Gruppe mit extremistischen Tendenzen zugeord-net. Es wird verständlich warum die Autoren davon abraten, die Ergebnisse als repräsenta-tiv zu erachten oder gar auf die Gesamtpopulation der Muslime mit deutscher Staatsbürger-schaft hochzurechnen. […]