Rassismus ist ein Gift aus der Mitte

Rassismus und Fremdenfeindlichkeit hausen nicht nur am rechten Rand. Wer diese Übel bekämpfen will, darf sie nicht nur in eine Terrorzelle oder die NPD auslagern.

 […]Genau hier liegt der Irrtum. Nazi-Terroristen, rechte Schläger und marodierende Glatzen bewegen sich am Rande der Gesellschaft, das stimmt. Aber zwischen diesem Rand und der Mitte steht keineswegs eine Mauer, auf deren heller Seite die Toleranten und Demokraten leben, während Rassismus und Fremdenfeindlichkeit nur die dunklen Winkel des Extremismus bewohnen. Wäre es so, dann ließe sich das rechte Unwesen vergleichsweise leicht lokalisieren und bekämpfen. Doch wir finden dieses Unwesen, in etwas zivilerem Gewand, auch in der Mitte des Alltagsbewusstseins und der etablierten Politik.

Polizisten, die dem türkischen Opfer mehr misstrauen als den Tätern; Behörden, die von „Döner-Morden“ reden und die Spuren nach rechts ignorieren; Politiker, die (wie vor ein paar Jahren Angela Merkel) von „Flüchtlingsbekämpfung“ reden – das sind alles keine Nazis. Aber jenseits aller schönen Worte von Integration und friedlichem Zusammenleben liefern sie dem rechten Rand das Material für seine verlogene Legitimation.[…]

[…]Zum Beispiel bei der Flüchtlingspolitik. Oder bei der ideologischen Hintergrundmusik: Auf der Homepage der NPD ist zu lesen: „Auf den Gedanken, dass ein Sozialsystem, welches sich für die ganze Welt öffnet…, zum Scheitern verurteilt ist“, wolle oder solle „niemand kommen“. Irrtum! Im CSU-Programm steht: „Keine Gemeinschaft kann Menschen anderer kultureller Prägung in beliebiger Zahl integrieren… Wir wollen keine Zuwanderung, die unsere Sozialsysteme einseitig belastet.“

Nein, auch die Christsozialen sind deshalb keine Nazis. Sie schüren „nur“ dieselbe Furcht vor dem angeblich grenzenlosen „Zustrom“ der „Fremden“, die dann die Extremisten für ihre eigenen Zwecke nutzen. Extremisten übrigens, die keineswegs nur in den rechten Kameradschaften und Parteien sitzen. Sondern auch in den Schreibstuben all der Homepages und Blogs, die im Gewand der „Islamkritik“ den Hass gegen ganze ethnische und religiöse Gruppen schüren, indem sie alle Muslime mit Extremismus und Terrorismus gleichsetzen. Und zwar lange Zeit unbeachtet von unseren Verfassungsschützern, weil es an vertrauten Merkmalen des Rechtsextremismus wie Antisemitismus mangelte.

Der Schock über den Terror des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ mag heilsam gewirkt haben, was Ton und Praxis im Umgang mit Taten und Opfern betrifft. Doch der Humus, den die Extremisten aus der Mitte von Gesellschaft und Politik beziehen, ist so fruchtbar wie eh und je.[…]

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