Interview mit dem Autor der Studie “Lebenswelten junger Muslime”

Ungekuerzt aus der Sueddeutschen Zeitung:

“Schock-Studie” hat die “Bild” die Untersuchung genannt. Ein Fünftel der deutschen Muslime verweigert demnach die Integration. Wolfgang Frindte, federführender Autor der Studie, ist dagegen vor allem über eines schockiert: Den einseitigen Umgang der Medien und Politiker mit seinen Daten. Die Berichterstattung in den Boulevard-Medien habe Mitarbeiter seines Teams zur Verzweiflung gebracht.

Prof. Wolfgang Frindte von der Friedrich-Schiller-Universität Jena ist einer der Autoren der Studie ‘”Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“. Für das Bundesministerium des Inneren hat er mit seinen Kollegen den Radikalisierungsprozess junger Menschen inDeutschland untersucht.

Süddeutsche.de: Herr Frindte, die Studie, die Sie und Ihre Kollegen für das Innenministerium angefertigt haben, erregt großes Aufsehen. Demnach sind in Deutschland 24 Prozent der nichtdeutschen Muslime im Alter zwischen 14 und 32 Jahren streng religiös, haben starke Abneigungen gegenüber dem Westen, zeigen eine tendenzielle Gewaltakzeptanz und kein Interesse daran, sich zu integrieren. Die Bild-Zeitung spricht von einer Schock-Studie.

Wolfgang Frindte: Manche Journalisten suchen sich bei komplexen Dingen das heraus, was spannend ist und in die Philosophie des Mediums passt. In unserem Team hat es nach der Veröffentlichung in einer Boulevardzeitung große Entrüstung gegeben, sogar Verzweiflung. Da wurde ein Detail der Studie auf eine Weise in die Öffentlichkeit getragen, dass sich die von uns befragten Muslime missbraucht fühlen könnten – das ist traurig. Und wir haben uns in den vergangenen drei Tagen ziemlich alleingelassen gefühlt. Aber es ist gut, dass die Studie jetzt zur Kenntnis genommen wird. Und inzwischen wird auch auf kompetente Weise darüber berichtet.

Süddeutsche.de: Auch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) spricht vom Import autoritärer, antidemokratischer und religiös-fanatischer Ansichten durch Muslime.

Frindte: Er hat aber auch dezidiert hervorgehoben, dass sich die Mehrheit der Muslime vom islamistischen Terrorismus distanziert und sich integrieren will. Das Glas ist nicht ein Viertel leer, sondern mehr als drei Viertel voll.

Süddeutsche.de: Wieso wurde Bild exklusiv über die Studie informiert?

Frindte: Das weiß ich nicht.

Süddeutsche.de: Es wurde kritisiert, dass Ihre Studie nicht repräsentativ sei.

Frindte: Es gibt relativ wenige soziodemographische Daten zu den Muslimen in Deutschland. Schon über ihre Zahl gibt es nur Schätzungen, demnach sind es zwischen 3,8 bis 4,2 Millionen. Wir wissen also leider nicht, wie repräsentativ unsere Daten sind. Aber ich denke, man muss unsere Studie trotzdem ernst nehmen.

Süddeutsche.de: Wenn ein Fünftel der deutschen Muslime und fast die Hälfte aller nichtdeutschen Muslime in Deutschland sich nicht integrieren wollen, klingt das schon nach einer großen Zahl.

Frindte: Zum einen sind das viele Menschen aus Nordafrika, Pakistan, Afghanistan, Iran, Irak und dem Nahen Osten, die aus politischen Gründen hier sind und noch nicht sehr lange. Die haben noch starke Bindungen ins Herkunftsland, in das viele auch zurückkehren möchten.

Süddeutsche.de: Das sind vor allem die nichtdeutschen Muslime. Was ist mit den Muslimen mit deutschem Pass?

Frindte: Es geht hier vor allem um türkischstämmige Muslime der dritten Einwanderer-Generation. Dass sich von diesen ein Fünftel nicht integrieren will, hängt vermutlich mit den Bedingungen in der Gesellschaft zusammen. Wir haben in unserem Bericht deshalb auch eine Reihe von Empfehlungen an die Politik formuliert.

Frindte: Die entscheidende Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft – das haben wir dezidiert hervorgehoben – ist Kommunikation mit den Migranten. Die Gesellschaft muss gleiche Chancen für Muslime auf dem Arbeitsmarkt schaffen, gleiche Bildungschancen, mehr Möglichkeiten, die deutsche Sprache zu erlernen. Und man muss den jungen Migranten die Chance zur politischen Teilhabe geben. Es geht nicht nur um Symbolpolitik auf der Berliner Bühne, sondern um reale Kontakte in der Region, in den Stadtvierteln.

Süddeutsche.de: Viele Menschen sind überzeugt davon, dass die Verantwortung allein bei den Muslimen liegt. Die müssten nur wollen.

Frindte: Wenn ein Teil der jungen Muslime eine nur geringe Bereitschaft zeigt, sich mit der deutschen Kultur zu identifizieren, dann hängt das auch damit zusammen, dass sie sich als Gruppe diskriminiert fühlen. Das ist ein Wechselspiel zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft. Wir haben das während unserer Studie am Beispiel der Sarrazin-Debatte 2010 beobachten können: Muslime, die nach dem Erscheinen seines Buches interviewt wurden, legten viel mehr Vorurteile und eine größere Ablehnung gegenüber Deutschland und dem Westen an den Tag als jene, die wir zuvor befragt hatten. Da stellt sich die Frage, ob das mit dem Sarrazin-Hype zu tun hatte. Dass Thilo Sarrazin jetzt sagt, er sehe sich durch die Studie bestätigt, ist tragisch.

Süddeutsche.de: Identifizieren sich Muslime, die diskriminiert werden oder sich diskriminiert fühlen, noch stärker mit der Gruppe, der sie zugeordnet werden? Schließlich fühlen sie sich dort akzeptiert.

Frindte: Da würde ich Ihnen vollständig zustimmen. Und die Abgrenzung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen wird dadurch verstärkt. Repräsentative Studien zeigen, dass 20 bis 25 Prozent der Deutschen dem Islam oder Muslimen ablehnend oder feindlich gegenüberstehen. Die Ablehnung in der deutschen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft kann sich wechselseitig aufschaukeln und den Integrationswillen der Muslime weiter einschränken.

Süddeutsche.de: Es klingt bedrohlich, wenn so viele Muslime in Deutschland Gewalt akzeptieren. Handelt es sich hier um einen Rekrutierungspool für islamistische Terroristen?

Frindte: Nein. Es geht nicht um die persönliche Gewaltbereitschaft. Die betroffenen Muslime sind der Meinung: Wenn es so weit kommt, dass die westliche Welt sie unterdrückt, dann würden sie unter Umständen auch Gruppengewalt als legitimes Mittel betrachten, um sich zu verteidigen. Und es ist noch eine ganz andere Frage, wie sie diese Einstellung im realen Verhalten umsetzen würden. Darüber wissen wir relativ wenig. Aber ich sage ganz klar: Wir haben hier nicht potentielle Dschihadisten identifiziert. Der Dschihad ist in Deutschland noch nicht angekommen. Und auf der Seite der Mehrheitsgesellschaft haben wir ja eine ähnliche Problematik: Denken Sie an die NSU und ihre Opfer.

Süddeutsche.de: Hängt die autoritäre Einstellung, die viele junge Muslime zeigen, mit ihrer Religion zusammen? Oder mit ihrer kulturellen Herkunft?

Frindte: Wir haben die Ursache dieser Neigung hier nicht untersucht. Andere Studien zeigen aber, dass eine autoritäre Einstellung häufig mit Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rechtsradikalismus zusammenfällt. Mit dem Islam oder Religion hat das wenig zu tun, eher mit traditionellen Familienstrukturen – sowohl bei Muslimen als auch bei Nichtmuslimen. Es geht hier um eine Neigung, sich unterzuordnen und sich aggressiv gegenüber jenen zu verhalten, die das nicht tun wollen. Auch konservative Glaubens- und Ideologiefacetten spielen eine Rolle.

Süddeutsche.de: Manche Politiker fordern nun, es dürfe keine Parallelgesellschaften in Deutschland geben, die die deutsche Gesellschafts- und Werteordnung bedrohen.

Frindte: Es wäre blauäugig, zu sagen, dass da nichts parallel laufen würde. Wir sind ein Einwanderungsland und es gibt einen Zuwachs der muslimischen Bevölkerung. Es gibt Abgrenzungen auf beiden Seiten. Aber ich entnehme unserer Erhebung keine vordergründige Bedrohung unserer Gesellschafts- und Werteordnung. Trotzdem ist es notwendig, etwas zu tun. Und neben den positiven Signalen, die unsere Studie gibt, darf man eines nicht vergessen: Wir haben 15 Jahre nicht gewusst, dass sich in unserem Gemeinwesen ein Rechtsextremismus entwickelt hat, der zu Morden führt. Wir müssen also dem Gewaltpotential in den Bevölkerungsgruppen gegenüber grundsätzlich sensibel sein. Das gilt für Muslime und Nichtmuslime gleichermaßen.

Lesetipp: Stellungnahme zu der Studie “Lebenswelten junger Muslime”