Die Muslim-Studie? Voellig missverstanden!

Sind viele junge Muslime gar nicht bereit zur Integration? Eine Studie im Auftrag des Innenministeriums hat Scharfmacher mit Schein-Argumenten versorgt. Peter Holtz ist einer der Autoren der Papiers. In einem Gastbeitrag im Spiegel, den ich hier ungekuerzt veroeffentliche, beklagt er, dass der Bericht gar nicht gelesen und grob falsch zitiert wurde.

Sehr lesenswert!

Als einer der Mitautoren der viel diskutierten Studie zu den Lebenswelten junger Muslime habe ich in den vergangenen drei Jahren viele Gespräche mit jungen Musliminnen und Muslimen geführt. Finanziert vom Bundesministerium des Inneren untersuchten wir, wie diese Bevölkerungsgruppe denkt und fühlt und welche Faktoren Integration oder Radikalisierung begünstigen können.

In Gruppendiskussionen mit 56 Teilnehmerinnen und Teilnehmern und in vielen persönlichen Gesprächen erhielt ich einen Einblick in Welten, die für mich bisher verschlossen waren. Besonders bewegt hat mich die Reaktion eines älteren Vertreters der “Gastarbeitergeneration”, der mich gefragt hat, warum wir nicht 20 oder 30 Jahre früher gekommen sind. Er war fast zu Tränen gerührt, dass sich nun endlich jemand für seine Geschichte, seine Gefühle, seine Sicht der Dinge interessiert.

Ein jüngerer Diskussionsteilnehmer sagte darauf: “Egal was Ihr wollt und egal was Ihr macht, letztendlich heißt es doch wieder so und so viele Muslime sind radikal und wollen sich nicht integrieren.” Spätestens ab diesem Zeitpunkt wurde es für mich auch zum Ziel, diesen Menschen, über die in Deutschland so viel geredet wird und mit denen so wenig geredet wird, durch meine Arbeit eine Stimme zu geben.

Und dann geht man seiner Arbeit nach, wertet das Gesagte aus, schreibt seinen Bericht und weiß, dass darin auch Zahlen enthalten sind, die aus dem Zusammenhang gerissen ein furchtbares mediales Echo erzeugen können. Man diskutiert darüber. Aber letztendlich haben wir sie in dieser Form veröffentlicht und gehofft, dass sie in unserem Sinne verstanden werden und dass auch der Rest des Berichts oder zumindest der Presseerklärung gelesen wird. Und dann kommt am Tag vor der offiziellen Veröffentlichung die E-Mail “Wir sind schon in der ‘Bild’-Zeitung”. Man denkt sich, man müsse das doch verhindern können, doch das geht nicht. Man möchte reagieren, doch wie? Und dann übernehmen viele andere Medien den Artikel und die Politikerinnen und Politiker geben Statements dazu ab.

Auch perfekt integrierte Muslime werden diskriminiert

Aber was ist jetzt aus dem Versuch geworden, diesen 4.000.000 Menschen – oder zumindest diesen 56 – eine Stimme zu geben? Ich muss an einen jungen Teilnehmer denken, der über seine Probleme berichtet hat, in einer deutschen Großstadt einen WG-Platz zu finden, weil andere junge Menschen denken, Muslime wie er würden keinen Alkohol trinken und keine Partys mögen. Er ist gar nicht religiös und bezeichnet sich als Atheisten. Trotzdem wird er diskriminiert.

Ich muss an den jungen Studenten denken, der einen deutschen Pass besitzt, hier geboren wurde und genauso gut Deutsch spricht wie ich. Er sagte mir, dass er sich nicht als “echter” Deutscher, sondern eher als Türke fühlt. Warum? Ich solle doch nur seine Haare anschauen. Niemals würden ihn die Deutschen als einen von ihnen akzeptieren. Und ich muss an den türkischen Kleinunternehmer denken, der vor Zorn fast geweint hat, als ich ihn zu seinen Empfindungen zur “Sarrazin-Debatte” befragt habe. Was er denn noch alles tun müsse, um endlich in Deutschland akzeptiert zu werden?

Nur sehr wenige Teilnehmerinnen und Teilnehmer berichten von Fällen offener Diskriminierung. Nur wenige wurden auf der Straße angepöbelt oder beschimpft. Im Alltagsleben läuft man ja auch nicht als Frau Muslima und Herr Muslim herum, sondern als ein Mensch, der einer Arbeit nachgeht, eine Familie und Freunde hat und abends seinen Hobbys nachgeht. Und dann macht einer oder eine kleine Gruppe etwas Böses, und plötzlich ist man wieder ein Sicherheitsrisiko, ein gesellschaftliches Problem.

Ich muss an meine muslimische wissenschaftliche Hilfskraft denken. Auf dem Weg zu einer Konferenz zum Thema Islam und Integration wurde sie aufgrund einer Terrorwarnung dreimal so lange wie ich am Flughafen kontrolliert. Sie fand das normal und “nicht so schlimm”. Ich muss auch an die vielfältigen Erfahrungen mit religiösen Muslimen denken. Religion kann für junge Menschen eine Brücke zum “Land der Vorfahren” oder auch eine Verbindung zu den eigenen Wurzeln sein.

Der Fehler, vier Millionen Menschen nur auf ihre Religion zu reduzieren

Bei den streng Religiösen vermag Religion noch viel mehr. Sie bietet eine Chance, sich im religiösen Sinn neu zu finden oder sich im sozialwissenschaftlichen Sinn selbst zu erfinden. Mitunter wird die Teilhabe an der “Mehrheitsgesellschaft” dafür geopfert, in der man sich aber ohnehin unerwünscht fühlt. Man erhält Zugang zu einer Gemeinschaft, in der weder Nationalität noch Ethnizität noch sozialer Status zählen. Es ist egal, ob man Deutscher, Türke oder Araber ist. Und man muss sich endlich nicht mehr schämen, eine Muslima oder ein Muslim zu sein.

Man genießt sogar bisweilen die Reaktionen vieler Deutscher auf die äußeren Symbole dieser neuen Identität – das Kopftuch oder den langen Bart. Man wird endlich nicht mehr subtil diskriminiert, sondern wenigstens offen und ehrlich. Innerhalb dieser sehr religiösen Gemeinschaften gibt es vereinzelt Gruppierungen, die sich vorwiegend über den Hass auf den Westen definieren und innerhalb dieser Gruppierungen gibt es vereinzelt Menschen, die sich für ihren oft neu gefundenen und falsch verstandenen Glauben “opfern” oder zumindest dafür kämpfen wollen. Aber sogar die meisten streng religiösen Muslime kennen solche Menschen nur aus den Medien, genauso wie ich.

Natürlich gibt es unter den ungefähr 4.000.000 Menschen in Deutschland, die sich so in etwa unter die Kategorie “Muslime” zusammenfassen lassen, auch Verbrecher und Arbeitslose und diese und jene, wie innerhalb jeder Bevölkerungsgruppe. Und es gibt Probleme, sei es im Bildungsbereich oder auf dem Arbeitsmarkt.

Es bleibt die Frage, warum sich so viele dieser Menschen nicht als “echte Deutsche” fühlen können. Warum so viele gut ausgebildete junge Türken überlegen, in ihr “Heimatland” zurückzukehren. Was ist nun abschließend aus dem Versuch geworden, diesen 4.000.000 Menschen eine Stimme zu geben ? Habe ich den Teilnehmerinnen und Teilnehmern falsche Hoffnungen gemacht?

Es sieht so aus. Natürlich steht auch das, worüber ich hier geschrieben habe, in dem Bericht, aber das scheint niemanden zu interessieren. Zumindest nicht in den Boulevardmedien. Sobald man sich als Wissenschaftler auf dieses Spiel einlässt, über “die Muslime” zu reden und damit selbst diese ganzen 4.000.000 Menschen auf ein einziges Merkmal reduziert – und sei es mit guten Absichten – hat man wohl schon verloren. Und am Ende heißt es doch wieder “so und so viele sind radikal und wollen sich nicht integrieren”. Wäre es dann besser gewesen, gar nichts zu tun und gar nichts zu sagen?

Vielleicht. Wenigstens hätte einem Thilo Sarrazin dann nicht Beifall geklatscht!

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