Umstrittenes Zitat: Israel von der Landkarte radieren?

Die Kriegstrommeln werden immer lauter. Es scheint so auszusehen, als ob es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis der Iran durch Israel und seine Verbuendeten angegriffen wird. Der Grund hierfuer ist bekannt: Israel hat Angst vor der iranischen Atombombe.

Die Befuerworter des Angriffes sind der Meinung, dass der Iran einen nuklearen Holocaust plane, und Israel keine andere Wahl haette. In meinen Recherchen habe ich nichts gefunden, wo der iranische Praesident Ahmedinejad behauptet hat, dass Israel ausgeloescht werden muesste. Das waere auch Irrsinn. Ein nuklearer Angriff auf Israel waere auch das Ende Irans. Die Mullahs moegen verrueckt sein, doch fuer so verrueckt halte ich sie nicht.

Damit es keine Missverstaendnisse gibt, moechte ich eines klarstellen: Es geht mir hier nicht darum, den Iran zu verteidigen. Ich mag weder Ahmedinejad, noch die iranische Innen- und Aussenpolitik. Aber wenn man in den Krieg ziehen will, dann sollte man gute Gruende haben, und nicht aufgrund von Geruechten, Gefuehlen oder Falschmeldungen handeln. So viel sollten wir aus den Luegen, die zum Irak-Krieg gefuehrt haben, gelernt haben.

Hierzu ein etwas aelterer Artikel von Katijun Amirpur aus der Sueddeutschen (Hervorhebungen von mir):

Bekanntlich sind Verschwörungstheorien beliebt im Orient und unter Orientalen. Doch dass zurzeit die Gefahr einer Atommacht Iran, die zudem noch Vernichtungsphantasien gegenüber Israel hegen soll, künstlich heraufbeschworen wird, um einen Militärschlag gegen Iran zu rechtfertigen, ist nicht vollkommen von der Hand zu weisen. Tatsache ist: Die Vernichtungsphantasien, die Iran unterstellt werden, gehen auf einen einzigen Satz zurück: “Israel must be wiped off the map.”

Kein Satz wird so häufig mit dem amtierenden Präsidenten Irans, Mahmud Ahmadinedschad, assoziiert wie dieser: Israel muss von der Landkarte radiert werden. Das Problem ist nur – er hat diesen Satz nie gesagt. Ahmadinedschad hat die Worte für “map” und “wipe off” nie benutzt. Die persische Originalversion von Ahmadinedschads Äußerungen über Israel ist weit weniger martialisch als die Übersetzung, die verschiedene Agenturen verbreitet haben und die wiederum auf der englischen Übersetzung des persischen Originals beruht.

Um es gleich vorwegzuschicken: Es bleiben immer noch genug Äußerungen übrig, in denen Ahmadinedschad dumm, unverschämt und rassistisch über Israel spricht. Es geht hier nicht darum, Ahmadinedschad zu verteidigen, sondern um die journalistische Redlichkeit. Dazu gehört, auch politische Gegner korrekt zu zitieren – und sei es nur, um politische Optionen realistisch zu beurteilen.

Was also ist passiert? Am 26.10.2005 sprach Ahmadinedschad auf einer Konferenz, die unter dem Motto stand “Die Welt ohne Zionismus”. Es waren im Wesentlichen die großen westlichen Nachrichtenagenturen, die die Übersetzung dieser Passage lieferten: Israel von der Landkarte radieren (AFP), Israel von der Landkarte tilgen (AP, Reuters), Israel ausrotten (DPA). Ahmadinedschad sagte jedoch wörtlich: “in rezhim-e eshghalgar bayad az safhe-ye ruzgar mahv shavad.”

Das bedeutet: “Dieses Besatzerregime muss von den Seiten der Geschichte (wörtlich: Zeiten) verschwinden.” Oder, weniger blumig ausgedrückt: “Das Besatzerregime muss Geschichte werden.” Das ist keine Aufforderung zum Vernichtungskrieg, sondern die Aufforderung, die Besatzung Jerusalems zu beenden.[…]

[…]Unter den Tisch gefallen ist auch der Kontext, in dem Ahmadinedschad gesprochen hat. Seine Äußerung war nämlich ein Zitat Chomeinis, und Ahmadinedschad fügte hinzu, dass das israelische Besatzungsregime verschwinden müsse, so wie das Regime des Schah verschwunden sei, wie dies Chomeini einst prophezeit habe. Auch dieser Zusatz macht deutlich, dass Ahmadinedschad nicht die Auslöschung Israels forderte oder die Vernichtung des jüdischen Volkes, sondern einen Regimewechsel.

Alles andere wäre in diesem Kontext unsinnig – hieße es doch, Chomeini zu unterstellen, dass er das iranische Volk auslöschen wollte, als er in den siebziger Jahren gegen den Schah opponierte. Ein weiteres Detail unterstreicht, dass Chomeini damals und Ahmadinedschad heute keine Vernichtungsphantasien ventilierten: Chomeini machte seine Bemerkung, dass das Besatzerregime zu verschwinden habe, in den achtziger Jahren. Damals verkaufte Israel Waffen an Chomeinis Iran – ungeachtet der rhetorischen Verteufelung gab es also unter der Hand funktionierende Beziehungen.

Englischsprachige Medien haben übrigens auf die falsche Übersetzung hingewiesen. So schrieb Jonathan Steele bereits am 2. Juni 2006 im Guardian: “Er sprach keine militärische Drohung aus. Er forderte ein Ende der Besatzung Jerusalems, irgendwann in der Zukunft. Die ,page of time’-Formulierung legt nahe, dass er nicht davon ausging, dies werde bald geschehen. Das beinhaltete nicht, dass Chomeini, als er die Äußerung als Erster machte, oder Ahmadinedschad, als er sie wiederholte, dachte, dass dies bald bevorstünde oder dass Iran eine Rolle dabei spielen würde, es Wirklichkeit werden zu lassen.”[…]

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