Mallorca schafft sich ab

Ein etwas aelterer Artikel, aber trotzdem aktuell:

Es ist eine kleine, feine Welt, die sich die deutschen Zuwanderer auf Mallorca aufgebaut haben. Es gibt deutsches Brot, deutsche Frisöre und deutsche Gaststätten. Wenn es mal eng wird, ist immer ein deutscher Handwerker oder Hals-Nasen-Ohrenarzt zur Stelle. Die deutsche Presse findet man von Bild bis Süddeutsche tagesaktuell am Kiosk; es gibt deutsche Lokalzeitungen und das deutsche “Inselradio” sendet verlässlich auf 95.8. Ein paar Worte auf Spanisch kann man, klar, aber wirklich brauchen tut man es ja nicht. In der deutschen Parallelgesellschaft von Andratx, Cala Ratjada oder Santanyí, hat man sich das Lebens so eingerichtet, wie man es von der alten Heimat gewohnt ist: Deutschland, nur wärmer. Von der mallorquinischen Umgebung klaubt man sich nur die Annehmlichkeiten heraus – die Sprache zu erlernen, kommt den wenigsten in den Sinn. Mallorquinisch ist ein Dialekt des Katalanischen, einer Sprache, die von ebenso viel Menschen gesprochen wird wie Schwedisch. Sie ist Kommunikationsgrundlage und Identitätsmerkmal der Insel. Trotzdem wird sie von vielen Deutschen auf Mallorca ignoriert. Das führt dazu, dass sie kaum in intensiveren Kontakt mit den Einheimischen treten, können, deren Bedürfnis nach Anerkennung von Sprache und Kultur sie als hinterwäldlerisch und arrogant abtun. Die meisten Deutschen schotten sich ab und sind somit unfähig zur Integration. Müssen die Mallorquiner jetzt auch auf die Barrikaden gehen? Zugegeben, die meisten Deutschen, die nach Mallorca ziehen, haben wenig Probleme mit dem Anerkennen einer demokratischen Grundordnung. Kennt man ja aus Deutschland. Aber dass es nicht nur einen unermesslichen Nutzen für den Alltag bringt, sondern auch von Respekt für die neue Heimat zeugt, wenn man die dort vorherrschende Sprache lernt, will ihnen nicht einleuchten. Mit einer an Napoleon erinnernden Körperhaltung verkünden sie der Welt, man sei hier in Spanien und man könne es auch bei Spanisch belassen. Warum denn die Sprache der Bauern lernen? Warum sich auf regionale Haarspalterei einlassen, wenn Europa doch gerade so prächtig zusammenwächst? Die Kinder der Immigranten können sich diese Haltung nicht erlauben. In den Schulen wird auf Mallorquinisch gelehrt. Dies hat unterschiedliche Erfolgsraten. Wenn in einer Dorfschule ein oder zwei deutsche Kinder eingeschrieben sind, funktioniert es erfahrungsgemäß ganz gut. Kinder brauchen Freunde und wenn die einheimischen, die marokkanischen und die britischen Kinder mallorquí sprechen, wäre es höchst fahrlässig, es ihnen nicht so schnell wie möglich gleich zu tun. In Küstengegenden ist es schwieriger. Wenn allein in einer Klasse sechs oder sieben Schüler aus Deutschland kommen, haben sie wenig Bedürfnis, sich mit anderen auszutauschen. Geschweige denn eine andere Sprache zu lernen. Sie bleiben unter sich und tragen so zur Bildung der Parallelgesellschaft bei. Kommt das irgendwem bekannt vor? Angeblich, so hört man, sei dies aber nicht das Problem. Deutsche, die integrationsbemüht sind, beklagen häufig, dass es unheimlich schwierig sei, die Mallorquiner kennenzulernen. Das mag sein. Der gemeine Mallorquiner gilt als knorrig und etwas kühl beim Kennenlernen. Aber muss das abschreckend sein? Kann man nicht trotzdem die Sprache lernen und damit auch den Menschen näherkommen? Fast alle Gemeinden der Insel bieten teils kostenlose, teils sehr günstige Katalanischkurse an. Bei vielen Einwanderern stößt das nicht auf Zustimmung. Sie suchen Spanischkurse. Aber natürlich gibt es auch Gegenbeispiele. Ende des 19. Jahrhunderts kam der Habsburger Erzherzog Ludwig Salvator auf die Insel. Er verliebte sich in ihre Schönheit und zog schließlich dahin. Er, der Adelige, sah sich neben den Bauern und Fischern als “Gleicher unter Gleichen”. Er lernte ihre Sprache und fing sogar an, sich wie sie zu kleiden und sich ihre Kenntnisse über die Landwirtschaft anzueignen. Ein Beispiel für ambitionierte Integration. Es bleibt die bittere Ironie, dass seine Bemühungen, seinen Landsleuten die Schönheit Mallorcas kund zu tun, erheblich zum Verschwinden der Insel, wie er sie kannte, beitrugen. Sie führten zu immer mehr Besuchern, letztlich zum Legebatterietourismus und der Überfremdung, für die Mallorca sprichwörtlich geworden ist. Viele Mallorquiner fürchten, wenig überraschend, um ihre Insel. Gegen die Verschandelung der Küsten kann man mittlerweile wenig tun. Die jährlich im Sommer grassierende Wasserknappheit ist ein großes Problem. Immer wieder neue Golfplätze zu bauen, die Touristen anlocken, hat sich auch nicht gerade als hilfreich erwiesen. Aber die Mallorquiner fürchten auch um ihre Kultur. Um kulinarische Bräuche, die zwischen Tourismus und Globalisierung verschwinden. Um ihre Dorffeste, ihre überlieferten Formen der Gemeinsamkeit, ihren Eigensinn. Und sie fürchten um ihre Sprache. Die Unterdrückung der Regionalsprachen, die von der Zentralregierung immer noch, zumindest subtil, betrieben wird, trifft auf die undifferenzierte Beliebtheit des Zentralspanischen unter den Immigranten. La gran España, das große Spanien, mit seiner disneylandähnlichen Leitkultur aus Flamenco, Stierkampf und Paella. Dieses große Spanien spricht Spanisch und braucht keine Bauerndialekte. Dabei ist dieser vermeintliche Bauerndialekt die Sprache des großen Philosophen Ramon LLull, von Schriftstellern wie Quim Monzó oder Jaume Cabré. Sogar unter den aktuellen Fußballweltmeistern finden sich nicht wenige Spieler, die ihre ersten Worte auf Katalanisch sprachen. Carles Puyol, Xavi Hernßndez, Gerard Piqué. Um nur Beispiele zu nennen. Warum wollen so viele Deutsche, die auf Mallorca leben, diese Sprache nicht lernen? Warum wollen sie sich nicht integrieren, ein Teil der dortigen Gesellschaft sein? Ist es Bequemlichkeit? Ist es nur Arroganz? Oder liegt es gar an den Genen?

Ungekuerzt aus der Berliner Zeitung.

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Danke an SNY fuer den Hinweis.