No news is good news..

…oder etwa doch nicht?

Es ist nichts Neues, dass schlechte Nachrichten mehr Aufmerksamkeit erhalten als gute, dass sich mit ihnen die Auflage, die Quote und die Klicks steigern lassen – und dass wir als Medienkonsumenten immer wieder dankbar auf Meldungen anspringen, die uns eine Möglichkeit geben, zu diskutieren, uns zu empören, Betroffenheit zu zeigen und den Kopf zu schütteln über all das Unrecht, dass da wieder geschieht. Das tun wir bereitwillig, bis uns die nächste Meldung, das nächste Thema, vorgesetzt wird, über das es den Kopf zu schütteln gilt, zu dem wir Artikel bei facebook verlinken und Threads mit Dutzenden von Kommentaren mit Engagement verwechseln. Und während wir mit Kopfschütteln, Empörung und Debattieren beschäftigt sind, übersehen wir, dass ganz in unserer Nähe die tatsächlich Betroffenen noch immer mit dem zu kämpfen haben, was für uns nur eine Meldung von vielen war.

Der Prozess gegen die 10 somalischen Piraten vor dem Hamburger Landgericht, dessen Auftakt im November des vergangenen Jahres mit großem Medieninteresse verfolgt wurde, ist so ein Fall. Im „ersten großen Piratenprozess in Hamburg seit Störtebeker“ (Süddeutsche Zeitung vom 22.11.2010) müssen sich die  Angeklagten gegen die Anklage der Staatsanwaltschaft, das Hamburger Containerschiff „Taipan“ im April 2010 mit Waffengewalt überfallen zu haben, verteidigen. Eine großartige Nachricht, aus der sich viel herausholen ließ, über das man sich empören und Betroffenheit zeigen konnte: Während die einen über die immensen Kosten schimpften, die der Prozess für Justiz und Steuerzahler zur Folge hatte, kritisierten die anderen nicht nur den Umgang der Justiz mit den überwiegend jugendlichen Angeklagten, sondern nahmen den Prozess auch zum Anlass, auf die Lebensbedingungen in Somalia hinzuweisen – es folgten Dossiers und Hintergrundberichte über ein Land, das, wenn es nicht gerade von einer Hungersnot betroffen ist (…), für „unsere“ Medien nicht gerade von besonderem Interesse ist, über „ein Land, dem selbst die UNO nicht mehr helfen kann“ (Der Spiegel vom 22.11.2010).

Piraterie war plötzlich ein großes Thema, ebenso wie die Frage, ob ein solcher Prozess überhaupt völkerrechtlich zulässig sei. Doch genau so plötzlich, wie das Interesse an der Lage in Somalia, an der modernen Piraterie und an dem Befinden von zehn Jugendlichen, die gar nicht wussten, wie ihnen geschah, über uns gekommen war, verschwand es auch wieder – gegen die Wikileaks-Enthüllungen, die seit Ende November 2010 die Medien, Foren und Diskussionen füllten, hatten die Piraten keine mediale Chance. Stuttgart 21, „Wutbürger“ und sarrazine Nachwehen zwangen den deutschen Betroffenen außerdem, sich wieder mehr mit sich selbst zu beschäftigen und den Kopf zu schütteln.

Doch das, was für uns nur eine mediale Episode war, ging und geht mitten in Hamburg weiter: 10 Angeklagte, 20 Verteidiger, 39 Verhandlungstage, 3 Dolmetscher, mindestens 7 Sachverständige, 16 Monate Untersuchungshaft – das ist die bisherige Bilanz des Prozesses. Und die Wahrscheinlichkeit, dass aus den 16 Monaten U-Haft noch mehr werden, ist groß:  Bis Ende November sind laut dem Hamburger Landgericht noch mindestens 17 weitere Verhandlungstage geplant. Das Netzwerk „Kein Mensch ist illegal Hamburg“ (KMii), eine der wenigen Gruppen, die den Prozess kontinuierlich weiter verfolgen, schreibt auf seinem Blog dazu:

[…]Die Jugendlichen sind, verglichen mit Gleichaltrigen aus Hamburg und selbst denjenigen, die einen Menschen auf dem Gewissen haben, außergewöhnlich lange in Untersuchungshaft. Üblich sind in Hamburg sechs Monate, zudem erfolgen die im Jugendrecht vorgesehenen erzieherischen Maßnahmen nicht. […]

Im Verlauf des gesamten Prozesses haben die Anwälte der Somalier immer wieder auf den Umgang mit ihren Mandanten hingewiesen. So wurden die Jugendlichen unter anderem von Hamburger Ärzten, aber zuvor auch von niederländischen Kollegen untersucht, um ihr genaues Alter feststellen zu können – die Röntgenaufnahmen von Händen, Füßen und Schlüsselbeinen hätten nicht nur unterschiedliche Ergebnisse geliefert (die Niederländer schätzten einen Angeklagten auf 15, die Hamburger kommen zum Ergebnis, er müsse 18 sein), die Gutachter seien zudem mit seinem Angeklagten „wie mit einem Stück Fleisch umgegangen“, sagte einer der Anwälte dem SPIEGEL Eine vorläufige Freilassung der Angeklagten aus der U-Haft wurde im August vom Hamburger Landgericht abgelehnt, unter anderem, weil die Somalier keine tragfähigen Bindungen in Deutschland nachweisen könnten – eine Begründung, die einer der Anwälte gegenüber der TAZ vom 16.08.2011 als nahezu zynisch bezeichnet.

Als nahezu naiv kann man dagegen die Begründung des Gerichts auffassen, weshalb der Prozess öffentlich verhandelt wird, obwohl es sich um ein Jugendstrafrechts-Verfahren handelt: Das Verfahren gegen die zehn somalischen Angeklagten sei von „internationalem Informationsinteresse“ und solle daher der Öffentlichkeit nicht verschlossen bleiben. Und dabei ist doch die Öffentlichkeit – wir – schon  wieder mit ganz anderen Nachrichten beschäftigt, über die sie debattieren, sich empören und den Kopf schütteln muss.

No news is good news? Nicht für jeden.

Vielen Dank an Audrey fuer diesen Gastbeitrag.