Verbrannte Erde

Die seit den Tagen der Antike überlieferte Kriegstaktik, auf Vormarsch oder Rückzug „verbrannte Erde“ zu hinterlassen, dem „Gegner“ die Felder zu verbrennen, das Saatgut zu vernichten und die Brunnen zu vergiften, um ihm die Lebensgrundlage zu entziehen, ist seit 1907 völkerrechtlich geächtet. Wer „verbrannte Erde“ hinterließ, ließ das buchstäbliche Nichts zurück, den Unort, von dem aus nichts mehr gedeihen konnte, weil es nichts mehr gab, was hätte gedeihen können.

In der schier endlosen Debatte um Integration ausländischer Mitbürger/Innen, die von einigen Teilen der „Stammbevölkerung“ beinahe Invasoren gleichgesetzt werden, sind es nicht mehr Pechfackeln, die Äcker und Scheunen in Brand setzen, es sind Worte und Taten, die uns an jenen Unort katapultieren, von dem aus kein Weiter mehr zu geben scheint.

Der elfte September 2001 war willkommener Anlaß, einen äußeren Feind zu konstruieren, dessen Aufgabe es nicht zuletzt war, den Zusammenhalt einer bereits maroden Gesellschaft wieder herbeizuführen, eine gemeinsame Identität zu schaffen, die die Grenzen der kapitalistischen Klassengesellschaft für den Moment verwischt und soziale Ungerechtigkeiten in den Hintergrund rückt. Von einer „Islamisierung der Gesellschaft“ ist seitdem die Rede, von muslimisch geprägten „Parallelgesellschaften“, die unsere freiheitliche Grundordnung bedrohen.

Vielleicht liegt es in der Natur des Menschen, Ursachen zu verdrängen und ein bereits geschehenes Unrecht ungeschehen zu machen, indem neues Unrecht geschaffen wird, um das vorhergegangene zu legitimieren – wie in einer mathematischen Gleichung, in der ein negatives Vorzeichen, multipliziert mit einem anderen negativen Vorzeichen, ein positives Endergebnis verspricht.

Thilo Sarrazins Neuauflage des Rosenberg’schen „Mythus des 20. Jahrhunderts“ mit lediglich anderem Feindbild war ein solches Unrecht, mehr noch, das „Machwerk“ und die anschließenden Diskussionen hinterließen „verbrannte Erde“, vergifteten Boden, auf dem eine erneute Annäherung der künstlich erzeugten „Konfliktparteien“ nahezu unmöglich scheint. Die Fronten sind verhärtet und darüber können auch die Meldungen von „Vorzeigeintegranten“ nicht hinwegtäuschen. Vielmehr bilden sich seltsam anmutenden Allianzen von Stammtischbrüdern, Politikern und frustrierten Intellektuellen oder solchen, die gerne dafür gehalten würden.

Kanzlerin Merkel, aufgewachsen in der DDR und mit verschiedenen Kulturen und deren Zusammenleben in etwa so vertraut wie Helmut Kohl mit den Ritualen der ZK-Sitzungen der KPDSU, verkündete, „Multikulti“ sei gescheitert. Innenminister Zimmermann verwies darauf, daß der Islam niemals ein Teil „deutscher“ Kultur gewesen sei, Friedrich Merz beschwor die „deutsche Leitkultur“, an die sich Migrant/innen anzupassen hätten und besonders übereifrige „Historistiker“ erfanden den Begriff der „jüdisch-christlichen Tradition“.

Nun jährt sich das deutsch-türkische Anwerbeabkommen, geschuldet der hohen Zahl der Kriegstoten und dem Aufschwung des „Wirtschaftswunders“, dessen neu geschaffene Arbeitsplätze unter allen Umständen besetzt werden mußten, zum fünfzigsten Mal, doch jenseits der Festakte ist der „Gastarbeiter“, der mittlerweile zum „Migranten“ aufsteigen durfte, weiterhin ein Fremdkörper in seiner rätselhaften Parallelgesellschaft, zumindest außerhalb von Dönerbude und Gemüseladen. Das „Rotationsprinzip“, das vorsah, Arbeitskräfte turnusgemäß „auszutauschen“, hat versagt, die Arbeitskraft ist heimisch geworden, hat gesiedelt, war fruchtbar und mehrte sich.

Der Faktor Mensch, diese unkalkulierbare Größe im Zahlenspiel von Wirtschaft und Politik, widersetzte sich dem System, das vorgesehen hatte, deutschen Firmen zu weiterem Aufschwung zu verhelfen, die türkische Handelsbilanz zu schönen und den dortigen Arbeitsmarkt von unqualifizierten Arbeitslosen zu befreien. Nach spätestens zwei Jahren sollte der – vertraglich vorgesehen – unverheiratete Arbeitnehmer zurückkehren in sein Heimatland, ausgerüstet mit dem absoluten Mindestmaß bundesdeutscher Handfertigkeit. Der Arbeiter hatte aus dem europäischen Teil der Türkei zu stammen, mußte sich einem Eignungs- und Gesundheits-Check unterziehen, ein Nachzug möglicher Familienangehöriger war kategorisch ausgeschlossen. Technologie- und Know-How-Transfer in Zeiten des Kalten Krieges, denn die Türkei, deren geostrategische Lage für die NATO von großer Wichtigkeit war, sollte ökonomisch auf sicherere Füße gestellt werden.

Der „Gastarbeiter“ blieb zunächst unter sich, in Wohnbaracken nahe der Produktionsstätten, sandte das, was er von seinem Einkommen entbehren konnte, in die Heimat und blieb ausgeschlossen vom gesellschaftlichen und kulturellen Leben des „Gastlandes“. Produktionsbezogene Grundkenntnisse der deutschen Sprache mußten ausreichen, an Sprachkurse, deren Aufwand für die kurze Dauer des Aufenthaltes ohnehin nicht gelohnt hätte, war nicht zu denken.

Innerhalb der arbeitskraftspendenden Fremdkörper in der jungbundesrepublikanischen Verdrängungsgesellschaft entwickelte sich bald eine Hierarchie: Italiener, Spanier, Griechen, Portugiesen und Jugoslawen waren im Bewußtsein der Bürger/Innen immer Teil des „christlich-abendländischen“ Kulturkreises gewesen, der muslimische Türke allerdings spätestens seit 1453 eine dauerhafte Bedrohung, über die auch die Freundschaft des Kaiserreiches mit dem Restbestand des osmanischen Reiches nicht hinwegtäuschen konnten.

Anfang der siebziger Jahre änderte sich das Bild: allen einwanderungstechnischen Sicherheitsklauseln in den Anwerbeverträgen zum Trotz zogen die Familien nach. Dennoch bestand von staatlicher Seite kein Interesse, Eingliederungshilfen zu schaffen oder gar kostenlose Sprachkurse anzubieten.. Die der bundesdeutschen Schulpflicht unterliegenden Kinder der Arbeitsmigranten wurden weitgehend altersgemäß in die entsprechenden Schulklassen abgeschoben und sich selbst oder dem guten Willen sprachfördernder Lehrer/Innen überlassen.

Das Ende des Kalten Krieges veränderte die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland wie keine andere. Nicht nur, daß knapp 17 Millionen der „Brüder und Schwestern von hinter dem Eisernen Vorhang“ über Deutsche Mark und freiheitlich-demokratische Grundrechte verfügten, auch „Spätaussiedler“ und „Rußlanddeutsche“ drängten „heim ins Reich“ – in ihrem Gefolge jüdische „Kontingentflüchtlinge“ aus der ehemaligen Sowjetunion, die das durch den reichsdeutschen Holocaust beinahe ausradierte Leben jüdischer Gemeinden mit frischem Blut versorgen sollten.

Es gebot der Anstand, dem eigenen „Fleisch und Blut“ und jenen, über die der Vorgängerstaat der Republik unendliches Leid gebracht hatte, Zugang zur Sprache und damit zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben kostenfrei zu gewähren. Kostenfreie Sprachkurse schossen aus dem Boden wie Pilze, deren Teilnehmer allerdings in der Regel muttersprachlich russisch waren. Wieder eine verpaßte Chance.

Diejenigen, denen die Schlüssel zum Verständnis der deutschen Kultur und Gesellschaft verwehrt blieben, zogen sich zurück und besannen ihrer Herkunft, ihrer Tradition und der teils archaisch-patriarchalen Gesellschaftsordnung, die sie in den ihnen zugewiesenen Nischen pflegten und in denen die den Halt fanden, der ihnen anderweitig verwehrt blieb. Die Notwendigkeit, sich dem Land, in dem sie lebten, zu öffnen, wich dem Zwang, in der eigenen „Parallelgesellschaft“ bestehen zu können.

Hohe Arbeitslosigkeit, soziale Mißstände und wenig Hoffnung auf Besserung vertiefen die Kluft zwischen den Kulturen, die sich jeweils auf das altbewährte Prinzip des einend-gemeinsamen Feindbildes des vermeintlich absolut Anderen, der die eigene Identität bedroht (und doch erst hervorbringt). Anders gesagt: ein „Ich“ kann sich allein über ein anderes „Ich“ definieren, das doch immer nur ein „Du“ bleibt.

Die Terroranschläge von New York, deren Ursachen hier nicht näher erläutert werden sollen, mitnichten aber in religiösem Ursprung zu suchen sind, potenzierten die Ängste und schufen seltsame Allianzen, deren Ansatz sich bereits im zweiten Golfkrieg 1990/1991 herausbildete, als Sadam Hussein drohte, die westliche Welt mit dem Schwert des Islam zu zerteilen und der Bundesbürger mit Hamsterkäufen und Argwohn gegenüber muslimischen Mitbürgern reagierte.

Verhärtete Fronten auf beiden „Seiten“, trotzige Abgrenzung der ungeliebten Anderen von einer Gesellschaft, die die muslimische Minderheit immer weiter ausgrenzte und sich im Zuge weiterer weltpolitischer Konflikte gegen „Überfremdung“ abschottete, traf auf Unverständnis seitens der verunsicherten Mehrheitsgesellschaft, die ihrerseits hinter jedem Bartträger einen radikalen „Glaubenskrieger“ vermutete.

Angst und Mißverständnisse waren der fruchtbare Boden, auf dem die „Thesen“ und gefälschten Statistiken Thilo Sarrazins bösartige Blüten treiben konnten. Plötzlich war „wissenschaftlich“ fundiert, was ohnehin lange bekannt war: der „Andere“ strebte die Weltherrschaft an, wenngleich seine genetische Disposition ihn eigentlich zu solcher gar nicht befugte – beste Grüße von den „Protokollen der Weisen von Zion“, einem antisemitischem Pamphlet, das seit Ende des 19. Jahrhunderts den (gefälschten) Beweis lieferte, daß das „internationale Judentum“ nach der Allmacht griff.

Die Struktur ist von Ausgrenzung und Fremdenhaß dieselbe, wenngleich das Opfer und Ziel derselben ausgetauscht wurde. Im Nachfolgestaat der Mörderreiches gilt es als unschicklich, Antisemit zu sein. Natürlich wird es keine zweite Shoah geben und natürlich wird uns unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung davor bewahren, daß eine annähernd mit den Pogromen des letzten Jahrhunderts vergleichbare Diskriminierung ausländischer Mitbürger/Innen seitens staatlicher Organe stattfinden wird. Statt dessen aber wird ein Klima geschaffen, daß es für alle Beteiligten nahezu unmöglich macht, den so notwendigen Schritt aufeinander zu zumachen. Auf verbrannter Erde kann keine Pflanze gedeihen.

Danke an Christiane fuer diesen Gastbeitrag.