Gibt es die Gefahr einer ‘Islamisierung’ in DE?

Eines der ‘Hauptsorgen’ der Rechtspopulisten, die sich verniedlichend ‘Islamkritiker’ nennen – die aber Islamfeinde und Hetzer sind, und sich hinter diesem wissenschaftlichen Begriff verstecken – ist die sog. ‘Islamisierung’ Europas. Das sog. ‘Eurabia’ steht uns bevor, falls die edlen Kreuzritter nicht eingreifen. Davon besessen war auch Anders Breivik, der sich in seinem Manifesto auf etliche ‘islamkritische’ Autoren in und ausserhalb Europas bezogen hat (z.B. auf den islamophoben Mark Steyn, den die Springer-Presse DIE WELT mit seinen Hetztiraden auch gerne zu Wort kommen laesst).

Auch Thilo Sarrazin hat mit einer einfachen Milchmaedchenrechnung in seinem Buch auf die demographische Entwicklung in einem ‘Horrorszenario’ hingewiesen:

“Das Deutsche in Deutschland verdünnt sich immer mehr, und das intellektuelle Potenzial verdünnt sich noch schneller. Wer wird in 100 Jahren, Wanderers Nachtlied’ noch kennen? Der Koranschüler in der Moschee nebenan wohl nicht.” (Quelle)

Waehrend die Geburtenrate der Mehrheitsgesellschaft schrumpft, ist die Annahme Thilo Sarrazins, dass die Geburtenrate der muslimischen Migranten auf dem derzeitigen Stand anhaelt. Das ist falsch! Studien zeigen, dass sich die Geburtenrate der Einwanderer sich immer mehr an die der Mehrheitsgesellschaft anpasst.

Wie sieht es denn nun mit dieser sog. Islamisierung Deutschlands aus? Was ist dran an den Befuerchtungen des christlichen Ur-Germanen? Sind diese diffusen Aengste begruendet, oder bauscht man ein Non-Issue auf? Ist es eine Scheindebatte? Paranoia?

Das Blog DingoSaar hat es hervorragend ausgearbeitet:

[...]In Deutschland leben über 80 Millionen Menschen. Zu den beiden Großkirchen, der romkatholischen Kirche und der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), bekennen sich jeweils etwa 25 Millionen Menschen. Nicht mitgerechnet sind Orthodoxe (1,3 Millionen), evangelische Freikirchen und kleine Konfessionen wie Mennoniten (ca. 36.000) oder Alt-Katholiken (Qualität statt Quantität) sowie „christliche Sondergruppen“ wie Mormonen. Viele Deutsche bekennen sich zu keiner Konfession, weil sich die Frage der Religiosität für sie nicht stellt; eine Minderheit sind naturalistische Atheisten, die glauben es gebe keinen Gott. (Die Unterscheidung zwischen Agnostikern, die keine Aussage zu Gott machen können oder wollen – wozu auch Buddhisten gehören – und Atheisten, die sich bewußt entscheiden, an die Nichtexistenz Gottes zu glauben, ist hierbei wichtig; übertragen ist das der Unterschied, ob ein Wissenschaftler die Frage nach der Existenz der Vereinigten Feldtheorie nicht beantwortet (weil sie noch ein ungelöstes Rätsel der Physik ist) und einem, der die Existenz dieser Theorie ausdrücklich in Abrede stellt).

Die übergroße Mehrheit dieser Menschen in Deutschland ist für Missionierung durch eine der Strömungen des Islam – oder jede andere Religion – nicht empfänglich. Große wie kleine christlichen Konfessionen und Gruppen versuchen, mit diesen Leuten ins Gespräch zu kommen und bieten ihre Religion – das heißt, ihre Hilfe bei der Bewältigung der unbeantwortbaren Lebensfragen – an; diese Fragen stellen sich besonders Menschen unter 30 Jahren kaum.

Die Zahl der Moslems in Deutschland beträgt zwischen 3 und 4,5 Millionen.

Und diese Zahl umfaßt alle moslemischen Konfessionen und Sondergruppen, Sunniten und Schiiten ebenso wie Aliviten und Ahmadiyya oder Baha’i. Sie umfaßt Gläubige aus den ländlichen Bereichen Anatoliens genauso wie säkulare Türken aus Großstädten oder Exilanten aus dem Iran, die oft einem zu ausgiebig ausgelebten Glauben sehr skeptisch gegenüberstehen. Sie umfaßt Anhänger des Kalifstaats genauso wie Moslems, die zum Ramadan unregelmäßig Gebetsräume aufsuchen.

In diesem Umfeld – >22,5 Millionen Deutsche, die aus eigener Entscheidung keinerlei Religion oder naturalistischen Atheismus praktizieren, allein 50 Millionen Christen in Großkirchen (es gibt jedoch Schnittmengen, so sind ca. 15-20% der Kirchenmitlgieder selbst „nicht religiös“) – dem gegenüber 3-4,5 Millionen Moslems unterschiedlichster Konfession und Lebenssituation – reden „Der Spiegel“, redet „Die Welt“, reden Politiker aller im Bundestag vertretenen Parteien (zu unterschiedlichen Anteilen) von der Gefahr einer „Islamisierung“ Deutschlands.

Bitte den letzten Abschnitt nochmal langsam lesen und sich die Anteile veranschaulichen.

Wie bitte?!? Ca. 5% (!) der Einwohner sollen es schaffen, die restlichen 95% eines Landes zu „islamisieren“?!? Oder auch: 60% der Bevölkerung eines Landes (Zustimmung für die Thesen Sarrazins) haben ernsthaft Angst, daß diese 5% Moslems (von denen ein noch viel geringerer Anteil überhaupt missionarisch tätig ist) aus Deutschland einen islamischen Staat – noch besser: einen fundamentalistischen islamischen Staat! – machen könnten?

Insbesondere im Hinblick auf die Parole „Null Toleranz der Intoleranz“ sollte man überlegen, am nächsten 3. Oktober demonstrativ islamische Gemeinden in Deutschland einzubinden (und auch christliche Gemeinden); der 3. Oktober ist ebenfalls „Tag der offenen Moschee“. Mit der Wahl des „Tag der deutschen Einheit“ wollen die Organisatoren des „Tag der offenen Moschee“ sich klar zu ihrer Zugehörigkeit zur Bundesrepublik Deutschland bekennen. Es wäre angemessen, diesen Tag stärker zu bewerben und intensiver über ihn zu berichten – besonders für die angeblich 60% Sarrazin-Anhänger.

Eine Angst, von 5% der Bevölkerung im eigenen Land „islamisiert“ zu werden, ist jedenfalls keine „Islamkritik“ oder „Integrationsdebatte“ oder „Scheitern der ‘multikulturellen Gesellschaft’“. Diese Angst ist nur durch zwei Wort zu beschreiben: hysterisch und krankhaft.

Wie man es an den Fakten erkaennen kann, ist die sog. ‘Islamisierung’ eine krankhafte Paranoia/Halluzination, mit denen die Rattenfaenger Politik machen.

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