Das Kopftuch im Land des Lächelns

Die Moral von der Geschicht’

In Zeiten, als das Wünschen nur noch gelegentlich half, wurde mir bewusst, dass es sich bei Kopftüchern nicht um ein gewöhnliches Stück Stoff handeln konnte. An der Hand meiner Mutter, wir kamen vom Einkauf, gewahrte ich die Magie dieses Kleidungsstücks. Auf der anderen Straßenseite lustwandelte eine junge Frau in buntem Kleid, mit langen, sehr langen Haaren. Es war windig, die Locken tanzten. Bei meiner Mutter entfesselte die fehlende Zierde einen Sturm der Entrüstung. Sitte und Anstand, mit Füßen getreten! Das vergangene Jahrhundert hatte das Rentenalter erreicht, ich war fünf und lebte in der ökumenischsten Ecke Deutschlands. Hier predigte man einen Katholizismus, der verbot – noch der unschuldigsten Freude, immens protestantisch, den Spaß nehmend.

Das Eckige im Runden

Der Stammtisch, seit Jahren Leitstern großer Medien und Publizisten, kennt die zwei Seiten der deutschen Medaille. Auf der einen wird Deutschland, Europa, die westliche Hemisphäre von Islamisten bedroht, nichts weniger als Weltherrschaft wird angestrebt. Soweit der Masterplan des anatolischen Bauern, der in den 60er Jahren eingewandert sein mag. Denn alle Muslime sind Islamisten. Ausgenommen Gemüsehändler, die sich ab drei Uhr dreißig früh in Steuerzahlers Hängematte lümmeln.

Auf der anderen Seite die Muslima, die Entrechtete, die mit dem Kopftuch. Baumwolle knechtet, zu quälendem Sein verurteilt sie das Weib. Diese Frauen müssen errettet werden, sprechen die Ritter. Damit sie die Süße des Abendlandes schmecken können! Schwer ruht die schützende Hand auf der Schulter, Eva Hermann ist Zeuge. – Und endlich, nach gedeihlicher Tat, könnte das Weib, die Wonnen der Freiheit kostend, zum normalen, zum Gotteskrieger gebärenden Feind werden. (Ausgenommen bleiben saudi-arabische Taxifahrerinnen).

Doch diese Medaille, die härteste heimische Währung seit Abschaffung der D-Mark, ist dreidimensional. Wie dem Fußballfan bekannt ist, denn vormals lieferte sich Köln eine regelrechte Fußballschlacht mit Liverpool. Die Bilanz: Nach zwei torlosen Unentschieden, einem 2:2 nach Verlängerung im Entscheidungsspiel, blieb das Viertelfinale des Europapokals ohne Sieger. Das Elfmeterschießen war noch nicht erfunden, so wurde die Medaille geworfen. Kopf oder Zahl, das Schicksal wirbelt um die eigene Achse, Götter treiben Schabernack, die Münze fällt – und bleibt auf dem Rand stehend im morastigen Boden stecken. Von dieser dritten Seite hiesiger Tradition soll die Rede sein.

Wo Rauch ist…

Kreuzberg fühlte sich immer etwas anders. Das liegt an der Untergrundbahn, die im ersten Stock fährt. Es war spät geworden und ich wartete an den Gleisen. Keine Menschenseele war zu sehen, nur eine nachttrunkene Taube irrte umher. Ich zündete eine Zigarette an, was niemanden zu stören pflegte, Anfang der 90er. Nicht mal passiv. Heute ist die Zeit des Wilden Westens abgelaufen, selbst Lucky Luke kaut auf Grashalmen. Damals durfte der Mensch noch dampfen, bis der Zug kam.

Ein Zischen, die Tür öffnete sich. Im Waggon eine einzige Frau. Mit starren Augen musterte sie mich, auf ihrem Gesicht stand bleiche Furcht geschrieben. Ich erschrak, irgendetwas konnte nicht stimmen. Ich drehte mich um, kein Übel im Rücken. Kein Messer, kein Lärm, kein Feuer, die Zigarette längst verglüht. Mir dämmerte, dass ich selbst der Grund sein musste. Ich werde blöd aus der Wäsche geschaut haben, so was war mir bisher nicht passiert.

Kurz zuvor waren sie zu Tausenden in Rostock-Lichtenhagen zusammengeströmt. Partylaune, Pogromstimmung. Ein Asylantenwohnheim belagerten sie, tagelang, Hundertschaften der Polizei wurden zusammenzogen, Innenminister berieten sich, Schlägereien, wurden zurückgezogen, Molotows Cocktails flogen, Brand, lichterloh, weitere Brände andernorts, man beschnitt ein Grundgesetz.

Auf der Bank vor mir saß eine Frau mit Kopftuch und schwitzte Angst. Wegen meiner. Des Blonden.

Die Klamotten waren es nicht. Jeans, Turnschuhe, das Übliche. Vielleicht der Körper, recht lang ist er geraten, und breit. Vielleicht das Gesicht. Aus Kanten zusammengeschustert, so wurde ich in die Welt ausgeliefert. Für eine Statistenrolle in Tarrantinos Bastards sollte es reichen. Und ich muss lächeln, damit ich zuverlässig als freundlich wahrgenommen werde. Also lächelte ich.

Ich bin Westfale, das Abziehbild eines Klischees. Dickköpfig, manchmal mufflig, sogar knurrig. Grinsegesichter sind mir suspekt. Und ich lächle, verdammt, wenn ich lächeln möchte. Dann gern. Damals, in diesem Zug, mochte ich nicht lächeln – ich musste. Denn ich kann es nicht leiden, sollten Menschen Furcht vor mir haben.

Das Kopftuch war erstmalig zur Livree des Störenfrieds geworden. Des Türken, Ausländer geschimpft, des Feindes.

Ohne Feuer bleibt der Ofen kalt

Rostock geriet in Vergessenheit und mit den Brandbeschleunigern die Kopftücher. Jahre waren ins Land gegangen, New York hatte gewaltsam ein Wahrzeichen verloren. Begierig suchte man einen Feind, man hatte einen Krieg zu führen. Den Feind nannte man Islamist, um ihn nicht mehr als Türken, den NATO-Partner, bezeichnen zu müssen. Doch die Magie des Kopftuchs wirkte fort. Ihre Trägerinnen waren nunmehr unsichtbar.

Als mein Büro wegen Umbauarbeiten in angemietete Räumlichkeiten einer benachbarten Firma verlegt wurde, lernte ich die Putzen im Lift kennen. Ich grüßte, sie schwiegen. Ich ließ es dabei bewenden, fensterlose Käfige sind kein Ort für gepflegte Konversation.

Einige Aufeinandertreffen später erkannten sie ihren Irrtum. Sie dachten wie Douglas Adams’ Plapperkäfer: Weil ich sie ob der Magie von Kopftuch und Kittel nicht hätte sehen dürfen, nahmen sie an, sie sähen mich auch nicht. Nun grüßten sie unsicher zurück. Ab sofort wurde mein inzwischen illegaler Aschenbecher, den ich hinter Büchern zu verstecken pflegte, regelmäßig ausgewischt. Wer in Putzen Menschen sieht, weiß, dass es sich um eine Geste handelte.

Vom Wilden im Westen

Neulich auf der Rolltreppe, in der Schlange vor der Kasse. Sarrazenen geistern durchs Land. Vor mir eine junge Frau mit Kopftuch. Sie ist nicht unsichtbar, sie will es nicht sein. Elegant gekleidet ist sie, das Tuch ein Schmuck. Im Augenwinkel taucht meine Silhouette auf. Sie verdreht ihren Körper, unauffällig. Bis zum Ende der Treppe, dem Ende der Schlange wird sie mich nicht unbeaufsichtigt lassen. Ich bin wieder blond, trotz ergrauten Haares.

Der Geist der eingestrullten Hosen, der steifen Arme Rostocks, er ist zurück. Er wurde gerufen. Von Thilo, Henryk, Necla, Alice. Von Preisstiftern, Welt, Spiegel, FAZ. Vom Bürger, dem die Krakeeler dieser Tage peinlich werden; mit Schmuddelkindern macht man sich nicht gemein. Über Thilos Thesen, recht hat er ja, nuschelt man im Kreis, dem vertrauten; nicht in der Öffentlichkeit.

Der Wilde Westen raucht nicht mehr, ist aber neu entflammt. Ich kann es immer noch nicht leiden, wenn sich Menschen in meiner Gegenwart unbehaglich fühlen. Ich lächle jetzt schneller als Lukes Schatten. Und die Münze, sie steckt im Morast. Tief.

Vielen Dank an Claus für diesen Gastbeitrag.