Rechtsradikale erkennt man längst nicht mehr nur an Springerstiefeln und kahlrasierten Schädeln. Die Rechte hat ein neues Gesicht: Sie sitzen im Elternbeirat, kaufen Gemüse aus der Region und nennen ihren Sohn Siegfried. Astrid Geisler und Christoph Schultheis haben in einer Subkultur in Deutschlands Gesellschaft recherchiert, die sich nach außen bürgerlich gibt, aber im Innern für Nationalismus und Antisemitismus kämpft. Sie gewinnt Anhänger, die sich von der Politik im Stich gelassen fühlen: in der Angst vor Arbeitslosigkeit und Armut, in ihren Ressentiments, die sie gegen Ausländer hegen. Hier lauert eine versteckte Gefahr.
[...]Ostdeutschland hat nicht zuerst ein Problem mit Neonazis; sie sind das Symptom, das von einem stellenweisen Demokratiedefizit zeugt. Zwar weisen die Autoren einschränkend darauf hin, dass „Rechtsextremismus in der öffentlichen Wahrnehmung ohnehin nur noch ein Ossi-Phänomen ist. Es gilt zwanzig Jahre nach der Wende als triste Normalität.“ Aber sie erklären auch, dass die unterschiedlichen Realitäten eine andere Färbung der Menschenfeindlichkeit zeigen: „Auch im Westen der Republik waren die Zeiten mal politisch korrekter. Islam und Ausländerintegration – für viele Menschen sind das längst Reizworte.“
So machen sie sich ins Rheinland auf, dem geistigen Zentrum des modernen Rechtspopulismus. Von dort aus durchleuchten sie die heterogene Gruppe von Agitatoren, die das islamfeindliche Klima hierzulande anheizt. Sie entfalten eine ausgezeichnete Recherche, die bei dem passionierten Leserbriefschreiber Stefan Herre beginnt, Gründer des erfolgreichen islamfeindlichen Weblogs „Politically Incorrect“. Anhand der „PI“-Community werden die fremdenfeindlichen Übergänge deutlich – von einer christlich geprägten Wertegemeinschaft zu den Sektierern, Verschwörungstheoretikern und überzeugten Staatsfeinden. Hier wird das weite politische Feld „rechts der CDU“ ausgerollt, das von islamfeindlichen Stichwortgebern wie dem Bestsellerautor Udo Ulfkotte (“Vorsicht Bürgerkrieg!“) beliefert und von Wählerinitiativen wie der rechtspopulistischen „Pro NRW“ bestellt wird.[...] (Quelle)
Hier gibts noch ein Interview mit der Autorin Astrid Geisler.


echt interessant, aber zum weiterlesen leider gesperrt….
Entwaffnend die Frage im Spiegel-Interview:”Was haben rechtsextreme Esoteriker mit dem Alltag in Deutschland zu tun?…” Das ist eben kein “Kuriosum” wie Astrid Geisler meint, sondern DAS rechtsextreme Querfronten-Erfolgsrezept überhaupt seit New Age.
In einer Rede zum Holocaust Memorial Day hat Ian Kershaw in der deutschen Botschaft in London bereits 2007 vor einem Faschismus gewarnt, dessen Vertreter “Armani” tragen würden. In der selben Rede übrigens auch darauf hingewiesen, dass die Muslime in Europa das gleiche Schicksal wie die Juden im 19. Jahrhundert erleiden könnten (den Holocaust meinte er ausdrücklich nicht). Soll damals für Irritationen im Publikum gesorgt haben (Gina Thomas in der FAZ).
Die Rede, die bei der Botschaft mal herunterzuladen war, habe ich leider nicht mehr gefunden. War lesenswert.