Wie ueber die Muslime diskutiert wird, ist menschenrechtswidrig

Nachfolgend ist eine gute Rezension zum Buch “Die Panikmacher” von Patrick Bahners aus der Badischen Zeitung:

Wer sich in Deutschland positiv über Muslime äußert und darzulegen versucht, dass nicht alle per se zum Fanatismus neigen, manche sogar zeitgenössische Interpretationen ihrer religiösen Schriften zulassen, wird gerne in die Ecke des Naivlings gestellt, der den Fanatikern auf den Leim gegangen ist. Gerne tun dies Leute, die gar keine Muslime kennen und nie in einem muslimischen Land gelebt haben. Patrick Bahners, Feuilleton-Chef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat sich auf die Suche nach den Wurzeln dieser Islamophobie gemacht und eine Streitschrift verfasst, in der er die Art und Weise, wie heute vielerorts über Muslime und den Islam diskutiert wird, scharf verurteilt: Sie sei menschenrechtswidrig.

Ausgangspunkt für Bahners Streitschrift “Die Panikmacher” sind die empörten Reaktionen in Politik und Gesellschaft über die Worte von Bundespräsident Christian Wulff (CDU), der Islam gehöre zu Deutschland. Immer wieder war zu hören, dass das nicht stimme. Viele Politiker hoben hervor, dass Deutschland auf der christlich-jüdischen Tradition basiere. Eine Argumentation, die Bahners angesichts der deutschen Geschichte als zynisch empfindet: “Christlich-jüdische Tradition? In der längsten Zeit der deutschen Geschichte konnten die Juden froh sein, wenn die Christen sie in Frieden ließen (…) Den paar überlebenden Juden nachträglich eine Garantenstellung für den Gang der deutschen Kulturgeschichte zuzuweisen ist eine monströse Geschmacklosigkeit.” Bahners glaubt, dass man das christlich-jüdisch hervorhebt, um damit erneut eine inakzeptable Dämonisierung einer Religion zu rechtfertigen, diesmal die der Muslime. Bei aller Polemik klingen Bahners Argumente überzeugend und regen dazu an, eigene Positionen zu überdenken.

Mit Missbilligung stellt Bahners fest, dass es selbst im Bürgertum salonfähig geworden sei, Muslime zu diskriminieren. Er zitiert dazu eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, derzufolge 58,4 Prozent der Deutschen der Aussage zustimmen, dass für Muslime die Religionsausübung erheblich eingeschränkt werden sollte. Diese Zahl ist in der Tat erschreckend, offenbart sie doch, dass viele Bürger das Wesen der Demokratie nicht verstanden haben. Bahners rät in diesem Zusammenhang, man möge doch im Grundgesetz nachlesen. Dort nämlich wird freie Religionsausübung garantiert.

In den folgenden Kapiteln beschäftigt sich der Autor mit Deutschlands Islamkritikern. Viele kluge Gedanken finden sich darin, wenngleich Bahners oft umständlich formuliert und das eine oder andere Argument wiederholt. Auch die Soziologin Necla Kelek unterzieht Bahners einer Prüfung und kommt zum Ergebnis, dass die Deutsch-Türkin innerhalb von nur drei Jahren eine Kehrtwende vollzogen hat. So gelangte sie in ihrer Doktorarbeit aus dem Jahr 2002 zum Ergebnis, der Islam sei kein Integrationshindernis für hier lebende Muslime. Für ihre Arbeit interviewte sie Muslime und ging nach wissenschaftlichen Methoden vor. Drei Jahre später erschien ihr Buch “Die fremde Braut”. Bahners schreibt dazu: “Irgendwann in dieser kurzen Zeit muss Necla Kelek zu dem Schluss gekommen sein, dass die These der Dissertation falsch und das Gegenteil richtig ist: Der Islam verhindert die Integration.” Sorgfältig arbeitet er die Schriften der Autorin durch. Er gelangt zum Ergebnis, dass Keleks Wandel mit persönlichen Motiven zu erklären ist: Indem die Autorin der Religion Schuld etwa an der Unterdrückung der Frauen gibt, entlastet sie ihren Vater, der sie als Kind schwer misshandelte. Die islamkritischen Motive Thilo Sarrazins, des früheren Vorstandsmitglied der Bundesbank, sieht Bahners dagegen vor allem in der Angst des Bürgertums vor dem sozialen Abstieg.

Verärgert ist Bahners darüber, dass die Islamkritiker bei seriösen Politikern Gehör finden. Aus seiner Sicht deshalb, weil die Kritiker behaupten, es gebe ein gesellschaftliches Tabu, über die Probleme der Einwanderer zu sprechen. Aus Furcht, als Verschleierer dazustehen, gingen die Politiker auf diese Argumentation ein – und das, obwohl sie wüssten, dass es kein Tabu gibt und dass nicht der Islam, sondern der niedere soziale Standard vieler Einwanderer Probleme bereite. Unter dem Deckmantel der freien Meinungsäußerung habe sich so intolerantes Denken in Deutschland verbreiten können. Wer die manchmal fast hasserfüllten Debatten der vergangenen Monate verfolgte, muss leider sagen: Bahners hat Recht.

Lesetipp: Die Wandlung der Wissenschaftlerin Necla K.