Das eigentliche Tabu

Wieder ein lesenswerter Artikel von Naika Foroutan.

Seit Thilo Sarrazin Ende August 2010 die These in den Raum schleuderte, dass Deutschland dabei sei, sich abzuschaffen, wird eine Phantomdebatte geführt. Sie ist Platzhalter für eine schwere narzisstische Kränkung. Von all jenen, die sich nicht trauen, dem Monstrum ins Gesicht zu blicken, das ihnen aus dem Spiegel entgegenstarrt, hört man den Satz: Es war an der Zeit, dass diese Integrationsdebatte geführt wird, bis dato wurde zu wenig über die Probleme mit den Muslimen gesprochen. Die Absurdität dieser Vorhaltung, die unterstellt, dass über die Integrationsprobleme in Deutschland nicht gesprochen wurde – obwohl dies seit fünf Jahren tagtäglich geschieht –, entlarvt in ihrer mantraartigen Wiederholung das eigentliche Phänomen: es gibt einen tief sitzenden Rassismus, der sich schleichend und stetig vom Rand der Gesellschaft in die Mitte hineinbewegt, um dort für eine verita ble Krise zu sorgen.[…]

[…]In großen Teilen Deutschlands gibt es einen tief sitzenden Rassismus, ein Menschenbild, demzufolge das Fremde nicht nur als Bedrohung, sondern auch von seinen Defiziten her hinterfragt wird. Dies geschieht mit dem Ergebnis, dass eine Bringschuld gegenüber Deutschland reklamiert wird, die auf dem Weg in die Integration ausgebügelt werden müsse. 45,8 Prozent der Menschen in Deutschland sind der Meinung, es würden zu viele Ausländer hier leben.[…]

[…]Es ist Konsens in Deutschland, dass aufgrund einer traumatischen Vergangenheit eine verallgemeinernde Ausländerfeindlichkeit nicht sein darf. Daher schützt man sich gegen den Vorwurf, ganze Menschengruppen aufgrund ihres Andersseins abzuwerten – indem man etwa die Vietnamesen oder die osteuropäischen Juden verschont und den abwertenden Diskurs vornehmlich auf die Muslime bezieht. Man sieht es als explizite Errungenschaft des Westens an, dass man nicht frauenfeindlich sein darf, und konzentriert sich auf Kopftuchträgerinnen als zu befreiende Subalterne. Man darf nicht antisemitisch sein und schiebt die eigene Verantwortung dafür weg, indem man kollektiv die Muslime für die nach dem deutschen Antisemitismus frei gewordene Leerstelle besetzt und sogleich die jüdisch-christliche Tradition als Gegenpol zum Islam und als Basis einer deutschen Leitkultur stilisiert. Ebenso verhält es sich mit dem eigenen, scheinbar nonchalanten Umgang mit Homosexualität, dessen Normalisierung die neue deutsche Offenheit dokumentieren soll, und der sich doch immer wieder in homophoben Diskursen bricht, die angeblich „nicht so gemeint sind“ – die wahren Schwulenhasser sind ja die Muslime. Die werden zu Trägern jener Rassismen, die die Deutschen nicht mehr zu haben glauben.[…] (Quelle)

Auf AchGut macht sich Henryk Broder auf seine gewohnte sexistische und polemische Art und Weise ueber Naika Foroutan lustig. Er scheint die Niederlage bei Maybritt Illner immer noch nicht verkraftet zu haben, und schreibt:

Dr. Naika Foroutan sieht viel zu gut aus, als dass man ihr den Unsinn, den sie produziert, übel nehmen könnte. (Ich weiss, das ist ein sexistisches Argument, aber es ändert nichts an seiner Richtigkeit.) Das fängt bei ihren Statistik-Spielchen an und hört bei ihrem hochambitionierten Forschungsprojekt („Hybride europäisch-muslimische Identitätsmodelle: Identitäts- und Abgrenzungsrituale von Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund im deutsch-eurpäischen Innen- und Außenverhältnis“) noch lange nicht auf.[…]

[…]Mit dieser Konstruktion hat sich Frau Dr. Foroutan für ihr nächstes Forschungsprojekt über hybride Identitätsmodelle qualifiziert, diesmal mit Unterstützung der Wilhelm-Marr-Stiftung. Die Frage ist nur: Warum ziehen sich “die Muslime” den Schuh an, den die Deutschen loswerden wollen? Dabei wäre es so einfach, die antisemitischen, frauen- und schwulenfeindlichen Deutschen zu beschämen. Die Muslime müssten nur ein paar Häuser für geschlagene Frauen aufmachen, verfolgten Schwulen ihre Moscheen als Zufluchtsorte öffnen und Juden, die einen Bogen um ihre Kieze machen, Begleitschutz anbieten. Da würden die Deutschen aber blöd gucken! Und Frau Foroutan hätte jede Menge neues empirisches Material und wäre nicht mehr auf ihren morgendlichen Kaffeesatz angewiesen.