Ohne Unterlass fließt das Blut

Während in Ägypten alltäglich Abertausende auf die Straße gehen und Geschichte schreiben, raufen sich PIpisten die Haare. Derweil Muslime Christen und Christen Muslime beim Gebet auf dem Tahrir-Platz beschützen, allerorten Menschen für mehr Freiheit und ein besseres Leben demonstrieren, bemüht man sich verzweifelt, Blondgelocktes im Süppchen zu finden.

Doch kaum herrscht Zwangsruhe im Karton, eilt ein Sarrazene herbei, in Frankfurt wurde ein Beckmesser gewetzt. Richard Wagner entdeckt in der FaS das “Genitaltrauma” qua Beschneidung. Das hat Folgen. Und zwar erschreckende.

Rein wissenschaftliche, versteht sich. So diagnostiziert die Psychoanalytikerin Necla Kelek, die schon als Literaturkritikerin auf Goethes Divan brillierte:

“Die Beschneidung reproduziert eine autoritäre Gesellschaft, weil durch das Opfer der Vorhaut die Unterwerfung symbolisch wie materiell manifestiert wird.”

Gemeint ist selbstredend die islamische und nicht die US-amerikanische Gesellschaft, von der Wagner zu berichten weiß, “75 Prozent aller Männer [seien] beschnitten”.

Mit Kelek führt Wagner weiter aus:
“‘Türkische Jungs und Mädchen werden immer mit Abscheu über eine vorhandene Vorhaut sprechen’, sagt sie. Für sie ist es ein Ausweis des Unglaubens, der Unreinheit. Sie warnt: Kinder, die in Kategorien der Abgrenzung dächten, seien für die Werte einer freiheitlichen Gesellschaft schwerlich zu gewinnen.”

Was sich in Ägypten gut beobachten lässt, wo ausschließlich Frauen demonstrieren. Mutmaßlich gegen das Gewaltpotenzial ihrer Männer, denn Wagner verweist auf den Kriminologen Christian Pfeiffer, der in völlig anderem Kontext einen “signifikanten Zusammenhang von Religion und Gewaltbereitschaft” ausmachte. [1]

Daran wird, journalistisch sauber, von Wagner angeknüpft:
“Auch der Psychoanalytiker Matthias Franz versucht eine Erklärung. Die Verunsicherung muslimischer Jugendlicher und Männer hänge womöglich auch mit dem ‘Genitaltrauma’ der Beschneidung zusammen. Das werde bei vielen muslimischen Knaben im 5. oder 6. Lebensjahr gesetzt. Das sei die Phase der ‘Konsolidierung ihrer sexuellen Identität’. Auf dem Höhepunkt der ödipalen Entwicklungsphase, sagt Franz, werde dieser blutige Schnitt gemacht. Ängste und ein Groll gegen die Mutter seien mögliche Folgen. Vielleicht, sagt er vorsichtig, kämen daher die ‘Verschleierungstendenzen’ und die Kontrolle der weiblichen Sexualität, vor allem aber der ‘narzisstische Ehrbegriff mit hoher Kränkbarkeit’. Systematische Forschung gibt es kaum. Für Franz hängt das ‘am traumatischen und konflikthaften Potential der Thematik’.”

Da es sich bei der FaS um eine seriöse Zeitung handelt, wird in dem Artikel aufgrund fehlender Fakten kein Muslimbashing betrieben, sondern Aufklärung über Beschneidung. Deshalb kommen auch die Juden nicht zu kurz.

“Die Beschneidung wird vom Mohel, dem rituellen Beschneider, der auch ein ausgebildeter Arzt sein kann, vorgenommen. Der acht Tage alte Säugling wird dabei nicht betäubt. Viele glauben, dass die Nerven zur Weiterleitung des Schmerzes noch nicht ausgebildet sind. Nur ein Tropfen Wein wird ihm eingeflößt – das soll betäubende Wirkung haben. Steiman kann darin nichts Verwerfliches erkennen und erzählt die Geschichte von einem befreundeten Rabbiner. Der habe ihm während einer Beschneidungszeremonie zugeflüstert: ‘Was sind wir doch für ein brutales, archaisches Volk.'”
Schön, wenn man jemanden zitieren kann.

Zum Beispiel Felix Schier, der die beiden Religionen zusammenführen darf:
“Felix Schier, den Leiter der Kinderchirurgie an der Uniklinik in Mainz, machen solche archaischen Rituale wütend. Eingriffe ohne medizinischen Grund und dann auch noch bei nicht einwilligungsfähigen ‘Patienten’ seien unethisch und kein ärztliches Handeln. Die Vorhaut hält er für ‘ein weltanschauliches Organ’ und empört sich über die Duldsamkeit gegenüber Gepflogenheiten anderer Kulturen und Religionen auf Kosten der Kinder.”

Und weil es um Aufklärung und nicht gegen Muslime und Juden geht, vergisst Wagner nicht die Betäubung zu erwähnen, die in der Türkei (und hier) bei der Beschneidung oft zum Einsatz kommt. Auch die Juden dürfen quietschend die Kurve kriegen:

“Franz macht dann noch einen Unterschied zu der Beschneidung jüdischer Knaben aus. Die würden in der Regel am achten Tag nach der Geburt beschnitten. Das psychotraumatische Potential sei zu diesem Zeitpunkt möglicherweise geringer und habe andere Folgen.”

Auch die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts zog ähnliche Schlüsse. So schrieb der Orientalist Christian Lassen: “Die Geschichte beweist, dass Semiten nicht die Harmonie seelischer Kräfte besitzen…”. Allerdings war der Ansatz ein anderer, weshalb Lassen fortfuhr: “…die die Arier unterscheidet. Der Semit ist selbstsüchtig und ausschließend. Er besitzt einen scharfen Verstand, der ihn befähigt, Gebrauch von den Gelegenheiten zu machen, die andere schaffen, wie wir es in der Geschichte der Phönizier und später der Araber sehen.” Da eine solche Einschätzung den Worten des Psychoanalytikers nicht zu entnehmen ist, frage ich mich, warum sie mir in den Sinn kam. Wenden wir uns wieder der Aufklärung zu.

Denn da es um eben diese geht, wird zwar nicht über psychische Deformationen der Amerikaner spekuliert, wohl aber darauf hingewiesen, diese würden aufgrund ihrer Cornflakes-Mentalität “aus hygienischen und gesundheitspräventiven Gründen” beschnitten. Natürlich wurden diese Gründe gewogen und – anders als bei der WHO, die eine Beschneidung empfiehlt – für zu leicht befunden. Wagner resümiert:

“Dass es sich bei der Beschneidung um eine jahrhundertealte Tradition handelt, erkennt Herzberg zwar an. Es dürfe aber auch nicht aus Sorge um den ‘religiösen Frieden’ in unserer Gesellschaft dazu führen, dass ‘die Verstümmelung von Kindern toleriert wird’.

In der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen, die Deutschland unterzeichnet hat, heißt es: ‘Alle Vertragsstaaten treffen alle wirksamen und geeigneten Maßnahmen, um überlieferte Bräuche, die für die Gesundheit der Kinder schädlich sind, abzuschaffen.’ In Deutschland dürfte es so bald kein Verbot der religiösen Beschneidung geben. Zu gering ist das Interesse der Politik und zu groß die Furcht der Politiker, dieses Minenfeld zu betreten.”

Auch ich erlaube mir ein Resüme:
In Zeiten, in denen ganze Völker um ihre Freiheit ringen, kann es nicht schaden, ein FaSs aufzumachen, um sie als archaische und gewalttätige Charaktere zu zeichnen.

Und endlich ist es einem klugen Kopf gelungen, die Juden mit ins Boot zu holen. War wohl an der Zeit.

Eine lesenswerte Stellungnahme von Ramona Ambs zu Wagners Artikel findet sich hier:


[1] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2010-06/islam-jugendliche-gewalt
weiterführend: http://www.islamische-zeitung.de/?id=13423

Wagners Artikel findet ihr hier.

Vielen Dank an Claus fuer diesen Gastbeitrag. Laut eigenen Angaben ist er ein “Fachmann für Migrations- und Gossenfragen mit Neukölln-Diplom”. :)