Als man mir meinen Namen nahm

Ich hieß Duygu, dann Ayse, jetzt heiße ich wieder Duygu. Warum?

Naja, ich bin 17 Jahre alt, Schülerin eines Gymnasiums im tiefsten Pott, Stufe 13 und hab’ minderwertige Gene. Trotz dass ich Muslima bin und dazu integrationsunwillig – moment zu 87,3%, sagen die neuesten Messgeräte – versuche ich ab und an in die Schule zu gehen. Jeden Dienstag Morgen sitze ich im Sowi-Unterricht. Übrigens neben einer Türkin; wir haben innerhalb des Klassenraums eine Parallelgesellschaft errichtet. Ich dachte immer, „Sowi“ sei die Abkürzung für „Sozialwissenschaften“.. bis ich gehört habe, mit welchem Thema wir uns zu beschäftigen hatten: „Deutschland schafft sich ab“. Ein Buch, welches ich spontan dem Genre Science Fiction / Fantasy zuordnen würde. Und damit begann der Namensraub.

Als Duygu saß ich nun einige Wochen in diesem Kurs. „Halt den Ball flach“. Der Satz, den ich durchgehend zu hören bekam. Jedes Mal, wenn ich den Mund aufmachte.

Ich glaube ich muss die Hetze Sarrazins gegen Muslime, Hartz IV-Empfänger, Migranten, Schulabgänger etc. nicht ausführen. All diese Thesen hat der Großteil der „autochtonen“, um im Jargon zu bleiben, Bevölkerung aufgesaugt und verinnerlicht. So auch mein Kurs. Von „sozial“ hab’ ich nichts mehr gemerkt, von „Wissenschaft“ ebenso wenig. Man hat mir den Mund verboten, ich durfte nicht reden.

Die ganze Diskussion im Kurs gipfelte in einer Aussage eines „Kameraden“ über das Kopftuch. Er generalisierte, diskriminierte, erzählte Schwachsinn. Das Kopftuch als Zeichen der Abgrenzung? Als Modeerscheinung? Als sinnfreies Stückchen Stoff? Das Kopftuch – isoliert vom religiösen Sachzusammenhang? Ein Symbol der Unterdrückung und Dummheit? – Ich durfte wieder nicht reden. Wieder nicht sagen, dass jeder seine Religion so ausleben dürfen sollte, wie er/sie es für richtig hält. Durfte nicht verweisen auf hochintellektuelle „Kopftuchmädchen“. Sie wollten nicht hören, dass die Isolierung, die Abgrenzung nicht auf, sondern im Kopf stattfindet. Und wieder bringt man mich zum Schweigen.

„(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift (…) frei zu äußern und zu verbreiten (…) Eine Zensur findet nicht statt.“(GG; Artikel 5) – Ja, ja. „Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, 1. zum Hass gegen Teile der Bevölkerung aufstachelt oder zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen gegen sie auffordert oder 2. die Menschenwürde anderer dadurch angreift, dass er Teile der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet, wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.“ (§130 Strafgesetzbuch) – Ja, ja.

Obowohl ich weder in der Schule, noch privat ein Kopftuch trage, saß ich die Woche drauf mit einem Kopftuch im Unterricht. Aus Protest. Alle Blicke waren auf mich gerichtet. Auf mich, die ich auf einmal „Ayse“ hieß. Und wenn ich mich in dem Moment in die Ecke gesetzt und geweint hätte, dann wären alle in Aufruhr geraten: „Sie wird unterdrückt!“, hätte es geheißen, „Ihr Vater zwingt sie!“

Macht die Augen auf!

Ihr mit eurem biologisch begründeten Rassismus seid die einzigen die mich und meine Meinung unterdrücken! Ihr seid die einzigen, die sich abschotten, isolieren und Parallelgesellschaften bilden, in denen wir nicht willkommen sind! Wenn Integration heißt, sich an euch anzupassen: Bitteschön, dann bleib ich lieber wie ich bin! Und ich behalte meinen Namen.

Duygu.

Vielen Dank an Duygu fuer diesen Gastbeitrag.