Die Deutschen sind nicht rassistisch. Sie sind unerfahren.

Die Journalistn Rose-Anne Clermont, Amerikanerin mit haitianischen Wurzeln, gibt in der Sueddeutschen Zeitung ein Interview über die Zukunft der Integration und ueber ihre eigenen Erfahrungen mit der Diskriminierung:

Sie wurde 1971 in New York als Tochter haitianischer Einwanderer geboren. Nach ihrem Journalismus-Studium an der Columbia University kam sie 1998 als Fulbright-Stipendiatin nach Deutschland. Clermont arbeitet als Journalistin und hat ihre Erfahrungen als Migrantin in dem Buch “Buschgirl. Wie ich unter die Deutschen geriet” beschrieben. Sie lebt mit ihrem deutschen Mann und ihren Kindern in Berlin. Der Mädchenname ihrer Mutter lautet übrigens: Sarrazin.

Hier die Highlights:

Clermont: Das sieht man an der laufenden Debatte über Integration. Alle Migranten landen in einem Topf. Inzwischen sagt man “Migrationshintergrund” schon beinahe mit einem schlechten Geschmack im Mund. Natürlich schaden dissoziale Zuwanderer der Gesellschaft – ebenso sehr wie dissoziale Deutsche. Man würde aber keinen Hamburger Anwalt mit einem alkoholkranken, arbeitslosen Deutschen aus Berlin-Neukölln vergleichen. Ich finde es wichtig, dass die Deutschen lernen, das Individuelle zu sehen.

[…]Die Deutschen sind nicht rassistisch. Sondern unerfahren. Gibt es einen Unterschied zwischen Stadt und Land? Die Leute auf dem Land starren einen viel länger an. Früher haben sie manchmal länger als eine Minute gestarrt, das ist inzwischen aber kürzer geworden. Wahrscheinlich haben die Menschen inzwischen gelernt, dass man nicht so lange schauen darf. Ich glaube, sie haben oft eine riesige Angst davor, als xenophob zu gelten.[…]

[…]Was die Menschen denken, das weiß man nie. Aber dass sie das äußern! Das erstaunt mich oft. Ich habe zum Beispiel vor einiger Zeit im kosmopolitischen Stadtteil Berlin-Mitte das Büro einer Versicherung betreten, weil ich einen Vertrag abschließen wollte. Die Dame, die dort saß, sah mich nach der Begrüßung mit großen Augen an und sagte: Das ist ja unfassbar, sie haben eine so dunkle Haut und sprechen fließend Deutsch! Immerhin hat die Frau mich nicht geduzt – das passiert mir nämlich auch sehr häufig.[…]

[…]Die Frage: “Warum sprechen Sie so gutes Deutsch?”. Die Leute sagen nicht: Sie sprechen gutes Deutsch, sondern fragen immer: Warum? Immer diese Frage! Das ist nicht böse gemeint, das verstehe ich mittlerweile. Aber die Frage verlangt eine Rechtfertigung. Warum darf ich nicht gut Deutsch sprechen, wo doch so viele Deutsche gut Englisch oder Französisch sprechen? Warum sind die Erwartungen an uns Migranten immer viel niedriger?[…]

[…]Ich habe hier studiert, ich habe Deutsch gelernt, ich zahle meine Steuern, ich ziehe hier meine Kinder auf. Und trotzdem werde ich immer als Nicht-Deutsche gesehen werden – und meine Kinder auch. Auf dem Spielplatz sagen andere Eltern oft zu ihnen: Ihr könnt ja Deutsch, oh toll! In Amerika wird man geboren und ist sofort Amerikaner. Es gab nie einen Zweifel daran, dass ich Amerikanerin bin, obwohl meine Eltern aus Haiti stammen. Man gehört sofort dazu und muss sich das nicht so verdienen, wie man das hier machen muss. Das spielt eine wichtige Rolle.[…]

Hier gibt es mehr Informationen ueber das Buch von Rose-Anne Clermont “Buschgirl: Wie ich unter die Deutschen geriet”