Kaddor: Kelek betreibt keine serioese Islamkritik mehr

Lamya Kaddor, die Vorsitzende des Liberal Islamischen Bundes (LIB), hat ein Interview gegeben, wo sie ueber traumatisierte Islamkritiker, geistlose Orthodoxe und den Reiz, zwischen allen Stuehlen zu sitzen, spricht. Dabei nimmt sie kein Blatt vor dem Mund und redet Tacheles. Hier ist ein Ausschnitt:

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Von einigen Verbänden hört man die Sorge, Ihr liberales Islamverständnis gefährde die Substanz des Glaubens.

Kaddor: In Wirklichkeit ist es umgekehrt: Die Substanz des Islam wird erst freigesetzt, wenn man zwischen Wichtigerem und weniger Wichtigem, zwischen zeitlosen und zeitgebundenen Aspekten unterscheidet. Ohne kritischen Geist ist kein Glaube bekömmlich.

Trotzdem werden auch in Deutschlands gebildeten Kreisen nicht immer die differenzierten Muslime geschätzt, sondern Kulturmuslime, die am Islam kein gutes Haar lassen.

Kaddor: Richtig. Erst am Wochenende hat die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung der islamkritischen Publizistin Necla Kelek ihren Freiheitspreis verliehen. Das hat mich schon irritiert.

Warum? Ist Radikalkritik illegitim?

Kaddor: Überhaupt nicht. Ich selbst übe dauernd Kritik. Frau Kelek beispielsweise hat aber den Boden einer seriösen, geschweige denn wissenschaftlich fundierten Islamkritik längst verlassen.

Weil sie muslimische Mädchen mit Kopftuch und hautengen Jeans als „Islam-Bitches“, also als islamische Schlampen bezeichnet hat?

Kaddor: Das ist schon unverfroren. Sie äußert aber noch Extremeres. Ich zitiere mal eine Aussage von ihr: „Der muslimische Mann muss ständig der Sexualität nachgehen. Er muss sich entleeren, heißt es, und wenn er keine Frau findet, dann eben ein Tier… Das hat sich im Volk durchgesetzt, das ist Konsens“.

Klingt arg zugespitzt.

Kaddor: Zugespitzt? Das ist jenseits von Gut und Böse! Abgesehen davon gilt Sodomie im Islam als streng verboten. Es ist doch nicht jeder Mann unter 1,3 Milliarden Muslimen weltweit ein Sodomit! Ich halte es für ein falsches Signal, dass dieser „Mut“ nun mit einem Preis belohnt wird. Leider wird hierzulande zu oft die legitime Kritik an Muslimen mit Diffamierung verwechselt.

Offenbar wünschen sich viele Menschen mehr muslimische Selbstkritik. Finden Sie das unverständlich?

Kaddor: Nein, Selbstkritik ist gut, und in einzelnen Punkten liegen viele Islamkritiker ja auch richtig. Natürlich muss man etwas gegen kulturell bedingte Phänomene wie Ehrenmorde und Machismus oder etwas gegen Intoleranz und Extremismus unternehmen. Aber Leute wie Frau Kelek behaupten, das „System Islam“ schlechthin sei die Ursache für solche Probleme. Entweder man ist anständig oder muslimisch – darauf läuft Frau Keleks Islamkritik meiner Meinung nach hinaus. Wie sollen Muslime das noch als konstruktiv empfinden?

Wie erklären Sie sich diese pauschale Islamablehnung?

Kaddor: Die meisten Islamkritiker mit muslimischem Hintergrund haben schreckliche, traumatische Erfahrungen gemacht, die sie dem Islam anlasten. Sie wurden von ihren Familien misshandelt und gedemütigt. Aus diesen grauenhaften Erlebnissen ziehen die Islamkritiker den radikalen Schluss, der Islam schlechthin sei für ihr Unglück verantwortlich. Sie therapieren ihr Trauma geradezu durch Bücher und öffentliche Auftritte, in denen sie ihre radikalen Schlüsse verkünden. Leider kommt das mancherorts gut an.

Ich gratuliere Lamya Kaddor zu dem gelungenen Interview und ihre klaren Worte gegenueber Necla Kelek. Leider sind die obigen Aussagen von Frau Kelek immer noch nicht hinreichend in der Oeffentlichkeit bekannt. Man assoziert Frau Kelek immer noch mit der Beschuetzerin der unterdrueckten tuerkischen Frau, die Ehrenmorde und Zwangsheirat ausgesetzt ist. Dass sie jedoch ihre Anfaenge und den richtigen, wichtigen Pfad der Kritik an kulturellen Gegebenheiten teilweise verlassen hat, und heute hauptsaechlich mit der Diffamierung der Muslime ihr Geld verdient, zeigt das o.g. Beispiel von Frau Kaddor (Ich hatte auch schon diesen Artikel darueber geschrieben).

Das vollstaendige Interview von dem freien Journalisten Till Stoldt, welches in der aktuellen Ausgabe der Welt am Sonntag veroeffentlicht wird, koennt ihr vorab auf Politik.de lesen.