Der Volkszorn kocht

Der Plattenbau brannte, die Masse johlte, Besoffene hoben die Hand zum Hitlergruß: Ende August 1992 eskalierte im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen der Fremdenhass, Ausländer bangten um ihr Leben. 15 Jahre danach ist nichts vergessen – und doch vieles beim Alten. Der Spiegel schreibt:

[…]Die Katastrophe beginnt im August 1992 mit kleinen Schlägereien. Anwohner beschimpfen und bedrohen die Asylsuchenden. In der Nacht zum 23. August eskaliert die Situation – aufgestaute Wut und Ausländerhass brechen sich Bahn. Ein gewaltbereiter Mob aus überwiegend jugendlichen Rostockern umzingelt den Plattenbau mit dem Sonnenblumen-Mosaik. Die Randalierer bewerfen die Bewohner mit Steinen, zertrümmern Fensterscheiben und skandieren ausländerfeindliche Parolen.

Der Menschenauflauf wird schnell größer. Neugierige Gaffer schließen sich zu einer johlenden Menge zusammen. Die Einsatzleitung der Polizei weiß nicht, wie sie mit der Situation umgehen soll. Eine Panne jagt die nächste. So werden erst drei Stunden, nachdem die ersten Brandbomben flogen, Wasserwerfer eingesetzt, erst 18 Stunden nach den ersten Angriffen wird entsprechende Verstärkung angefordert. Die Beamten ziehen sich zurück, um die Lage zu besprechen – und überlassen dem Mob das Feld. Die unberechenbaren Angreifer schleudern Molotow-Cocktails und randalieren bis in die frühen Morgenstunden.

Am Mittag des 23. August rottet sich die geifernde Meute erneut vor dem Plattenbau zusammen. Die Rostocker Polizeidirektion hat noch immer kein Konzept gefunden und fordert verzweifelt Unterstützung aus Schwerin, Anklam, Stralsund und Güstrow an sowie zwei Hundertschaften des Bundesgrenzschutzes.

Unter die Angreifer mischen sich Neonazis aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Etliche Fernsehsender haben sich inzwischen am Ort des Geschehens eingefunden und berichten mit Liveschaltungen aus Lichtenhagen. Millionen Menschen im In- und Ausland sitzen vor ihren Fernsehbildschirmen und verfolgen das Unfassbare, das sich in Rostock abspielt: In Deutschland, das so tolerant schien, wo die Nazizeit aufgearbeitet schien, müssen Ausländer um ihr Leben fürchten – unter den Augen der Polizei. Die Kameras zeichnen das Grölen der Menge auf, die Umstehenden applaudieren.[…]

Im Deutschlandradio gibt es auch dazu einen sehr guten Beitrag zum nachlesen.