Wieviel Westen steckt im modernen Islam?

In der Frankfurter Rundschau analysiert Thomas Bauer die Urspruenge von einigen Praktiken, die heutzutage gerne als Beweise fuer die Rueckstaendigkeit und Grausamkeit des Islams vorgelegt werden. Er erlaeutert den westlichen Einfluss auf den Islam und kommt zum Schluss, dass einige barbarische Praktiken, die heute in einigen sog. islamischen Laendern praktiziert werden, eher ein Modernisierungsphaenomen des Islams sind.

[…]Der Kulturalismus führt nun in eine eigenartige Zwickmühle: Da Kulturen ja verschieden sein müssen, kann sich das eigentliche Wesen einer Kultur gerade dort nicht zeigen, wo sie mit anderen Kulturen übereinstimmt. Diese kulturalistische Denkweise auf den Islam angewandt, ergibt folgende Paradoxie: Wenn islamisches Handeln oder Denken den gerade gültigen westlichen Werten entspricht, muss es sich um historische Zufälligkeiten oder – womöglich vorgetäuschte – Anpassung handeln. Immer dann aber, wenn islamisches Denken und Handeln westlichen Normen widerspricht, zeigt sich das eigentliche, überzeitliche Wesen des Islams.

Wie sehr eine solche Sicht die Wechselwirkungen zwischen dem Westen und der islamischen Welt verdrängt, veranschaulichen zahlreiche Fälle, die ich unter der Überschrift „Gesetz der Asynchronizität“ zusammenfassen möchte. Es lässt sich etwa so beschreiben: In außereuropäischen Kulturen wurden immer wieder westliche Werte und Normen übernommen. Am Anfang stand in der Regel die einheimische höhere Mittelschicht, die westliche Vorstellungen übernahm, weil „westlich“ zu sein einen Zugewinn an Prestige und häufig auch an Macht versprach.[…]

[…] Dies gilt auch für viele Werte und Moralvorstellungen in der islamischen Welt, die sich bei näherem Hinsehen als Reflexe westlicher Werte entpuppen. Es mag sein, dass diese Werte im Westen selbst an Gültigkeit eingebüßt haben. Doch dadurch werden sie noch nicht zu islamischen Werten. Es sind oft nur die eigenen, westlichen Werte, die uns im historischen Abstand als islamische erscheinen. Manchmal ist der Westen islamischer als der Islam.

Ein drastisches Beispiel bietet der Umgang der islamischen Welt mit Homosexualität. Das klassische islamische Recht verbietet sexuellen Verkehr zwischen Männern. Die dafür angedrohten Strafen sind jedoch in über tausend Jahren kein einziges Mal angewandt worden. Stattdessen dichteten arabische Poeten – und sogar Religionsgelehrte – zwischen dem 9. und dem 19. Jahrhundert Hunderttausende homoerotischer Liebesgedichte, die einen bedeutenden Anteil der gehobenen und populären arabischen, persischen und osmanischen Literatur ausmachen. In den Jahrzehnten nach 1830 verschwinden homoerotische Gedichte plötzlich vollständig. Grund hierfür ist nicht der Islam, sondern die Übernahme westlicher, nämlich viktorianischer, Moralvorstellungen.[…]

[…]Im 19. Jahrhundert übernahmen Muslime westliche Werte mit ihrer damals drastischen Verdammung homosexuellen Fühlens und Handelns und fingen an zu glauben, dass die scheinbar „lockere“ Moral ihrer Vorfahren dafür verantwortlich sei, dass die islamische Welt nicht mit der westlichen Moderne schritthalten konnte. Heute fordert die westliche Welt – durchaus zurecht – in der islamischen Welt Schwulenrechte ein und hält – durchaus zu Unrecht – die dortige Homophobie für typisch islamisch.

Übrigens sind homosexuelle Handlungen noch immer in der Mehrzahl der arabischen Staaten straffrei. Dort, wo es Strafbestimmungen gibt, sind diese meist nicht aus der Shari’a abgeleitet, sondern aus dem britischen Recht.[…]

[…]Ein besonders trauriges Beispiel für diese Entwicklung sind die spektakulären Prozesse gegen Ehebrecher und Ehebrecherinnen in islamischen Ländern, denen man die Steinigung angedroht hat oder die tatsächlich gesteinigt worden sind.

In den westlichen Medien spielt der Fall der Iranerin Sakine Aschtiani aktuell eine große Rolle. Aus den Berichten ist der Eindruck entstanden, im Islam müssten Ehebrecher gesteinigt werden. Was weder die Berichterstatter noch die iranischen Richter sagen, ist aber dies: Im Islam wurden Ehebrecher und Ehebrecherinnen vor dem 20. Jahrhundert nicht gesteinigt. Ich will es erläutern: In islamischen normativen Rechtstexten finden sich nicht nur Vorschriften, Ehebrecher zu steinigen, sondern auch so viele Verfahrenshindernisse, die vor eine Steinigung gesetzt sind, dass es in den meisten Rechtsschulen so gut wie unmöglich wird, ein Steinigungsurteil tatsächlich zu verhängen.[…]

[…]Und so kommt es, dass es aus den Kernländern des Islams keine Berichte von Steinigungen nach den mehr oder weniger legendären Fällen der Frühzeit des Islams gibt. Es gab Rebellen und Räuber, die gekreuzigt wurden – die Dichter stürzten sich darauf und dichteten spektakuläre Gedichte – Sensationslust ist ja kein modernes Phänomen. Es gab Machthaber, die folterten und hinrichten ließen – die Chronisten berichten es in aller Ausführlichkeit – aber nirgendwo wird von einer Steinigung berichtet.

Mit einer Ausnahme. Meines Wissens gibt es in der Zeit zwischen 800 und dem 20. Jahrhundert nur einen einzigen sicher bezeugten Fall einer Steinigung wegen Ehebruchs aus dem Kernbereich des Islams. Er trug sich um das Jahr 1670 im osmanischen Reich zu, war – wie die modernen Fälle ja auch – politisch motiviert – und sorgte für einen handfesten Skandal. Der verantwortliche Richter wurde abgesetzt. Der Chronist, der von dem Fall berichtet, zeigt sich empört. Er hält Steinigungen keineswegs für islamisch. So etwas sei seit der Frühzeit des Islams nie mehr vorge kommen, stellt er entrüstet fest. Auch für ihn waren Steinigungen etwas Atavistisches und Unmenschliches.

Von dieser skandalträchtigen Ausnahme abgesehen gab es offensichtlich keine Steinigungen. Stattdessen wurden andere, unblutige rechtliche Regelungen gefunden.[…]

[…]Natürlich soll damit nicht gesagt werden, dass Steinigungen im Islam ein Import aus dem Westen sind. Sie sind aber – so schrecklich sich das anhört – ein Modernisierungsphänomen. Gerade dort, wo wir vermeintlich rein Islamischem begegnen, erblicken wir oft nur unser eigenes Spiegelbild, und sei es auch in zeitlicher Verschiebung. So kommt es, dass wir hier, egal ob wir traditionelle oder moderne Phänomene fremder Kulturen erforschen, immer auch uns selbst betrachten.