Pro & Contra: Gehoert der Islam zu Deutschland?

Wulff hat eine Selbstverständlichkeit ausgesprochen

Christian Wulff hat einen Zustand beschrieben, mehr nicht. Der Islam gehört zu Deutschland, weil hierzulande vier Millionen Muslime leben. Weil sie hier ihre Tempel, Schreine und Kirchen haben, gehören auch der Hinduismus, der Zen-Buddhismus und die serbisch-orthodoxe Kirche zu Deutschland. Wulff, der alles andere als ein Revolutionär ist, hat zudem deutlich die christlich-jüdische Geschichte dieses Landes betont. Wer jetzt wie vornehmlich die CSU hier eine Gleichsetzung sehen will, versteht ihn absichtlich falsch. Und wer vor Wulffs Zustandsbeschreibung Furcht bekommt, vermischt entweder die Begriffe Religion und Kultur oder traut dem demokratischen Staatswesen nichts mehr zu. Werte und Grundzüge des Zusammenlebens orientieren sich an den Grundrechten und dem Humanismus. Sie gelten für alle, für Atheisten, Agnostiker, Altkatholiken und Muslime.

Warum aber lehnen laut einer repräsentativen Umfrage zwei Drittel Wulffs Zustandsbeschreibung ab? Zwei Gründe mögen dabei vorherrschend sein. Erstens geht in der Debatte um Integration in Europa oft jede Trennschärfe verloren. Kulturen, Traditionen und soziale Themen werden mit der Religion in einen Topf geworden. „Islam“, „Muslime“ und „Kopftuch“ sind Chiffren geworden, bei denen „Scharia“, „Ehrenmord“ und „Terrorismus“ gleich mitgedacht werden. So wird selbst das Zuckerfest zur Bedrohung, obwohl hier nur mit Kalorienbomben geworfen wird.

Zweitens weist Wulffs Satz auch in die Zukunft. Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Wolfgang Huber nennt ihn eine „Aufgabenbeschreibung“ und hat damit recht. Der Islam gehört zwar zu Deutschland, hat aber keine Telefonnummer. Die Hängepartie Islamkonferenz, die viel zu spät begonnene Imam-Ausbildung, das Hineinregieren der staatlich türkischen Religionsagentur Diyanet in die Belange deutscher Muslime – hier liegt vieles im Argen und wird noch lange nachwirken.

Abgrenzung aber hilft da nicht weiter. Und eine Einheitsfeier war der richtige Ort, um eine Selbstverständlichkeit auszusprechen.

Das war das PRO von Jan Sternberg. Ich kann seinen Argumenten folgen und zustimmen. Es wurde Zeit, dass der Bundespraesident oeffentlich erklaert, dass er der Praesident aller Deutschen ist. Nichts anderes hat er getan und eine Selbstverstaendlichkeit ausgesprochen, die auch das Grundgesetz so sieht. Das Grundgesetz unterscheidet nicht zwischen den Religionen (siehe hier).

Er hat im integrativen Überschwang jedes Maß verloren

Bundespräsident Christian Wulff hat sich in der Formulierung vergriffen: Nicht „der Islam“ gehört zu Deutschland, sondern die eingewanderten Muslime. Das ist ein großer, es ist der entscheidende Unterschied. Ihnen, den kritischen, wie den frommen, nicht den militanten und radikalen Muslimen soll, kann und muss Deutschland Heimstatt sein, wenn sie denn hier leben wollen. Aber „der Islam“ gehört so wenig zu Deutschland wie „das Christentum“ zu Afghanistan.

Die Illustration der ganzen Absurdheit dieses multikulturell und integrationswillig wohlklingenden Satzes hat Wulff allerdings gleich mitgeliefert: Der Islam gehöre zu Deutschland wie Christentum und Judentum. Nach 1500 Jahren Christentum und ca. 1700 Jahren jüdischer Tradition auf germanischem Boden dem Islam eine Zugehörigkeit auszusprechen, weil vor 50 Jahren Gastarbeiter nach Deutschland kamen, ist schon eine grandiose Ahistorizität. Es ist genau diese Spanne zwischen gedankenlos-zweckdienlicher gesellschaftspolitischer Nettigkeit und zumutbarer Kenntnis, zwischen gut gemeinter Geste an die Muslime und Wahrhaftigkeit, was den Vertrauensverlust der Politik in der Migrationsdebatte ausmacht.

Vom höchsten Repräsentanten dieses Landes muss man erwarten können, dass er nicht über eintausend Jahre abendländischer Geschichte, über Renaissance, Reformation und Aufklärung einfach aus tagespolitischer Opportunität hinweggeht und im integrativen Überschwang eine ganze Religion in diesen Kul-turkanon aufnimmt, die all das für jeden sichtbar nicht durchschritten und genau deshalb Probleme mit der westlichen Gesellschaft hat.

All das bedeutet nicht, dass man Muslime vor den Kopf stoßen müsste. Man kann und muss ihnen die Hand reichen, weil die Würde des Menschen selbstverständlich für sie gilt. Man kann und muss aber auch nicht die Deutsche und Europäer vor den Kopf stoßen, deren Ringen um Säkularisierung, Demokratie und Geistesfreiheit zur wohlfeilen Handelsware für Feiertagsredner wird, die einfach mal nett zu Zuwanderern sein wollen.

Quelle

Das war das CONTRA von Ralf Schuler und m. E. ein ziemlicher Bloedsinn. Ein Mensch wird ein Muslim, wenn er/sie die islamische Religion annimmt. Daher gehoert sowohl der Muslim, als auch der Islam nach Deutschland. In den islamfeindlichen Kreisen wird gerne diesbezueglich unterschieden, damit es so aussieht, als wuerde man eine Ideologie angreifen, aber nicht den Menschen. Der Hetzer Geert Wilders zum Beispiel erklaert immer wieder oeffentlich, dass er nichts gegen die Muslime haette, aber gegen den Islam. Beides ist nicht voneinander zu trennen.

Auch hatte ich hier etwas zu der juedisch-christlichen Vergangenheit auf germanischem Boden geschrieben. Der Generalsekraeter des Zentralrats der Juden – Stephan Kramer – sagte korrekterweise dazu, dass die “Politiker, in deren Vokabular das Wort ‘juedisch’ ansonsten bestenfalls in gedenkpolitischen Sonntagsreden vorkam, sich jetzt mit einer kaum nachzuvollziehenden Vehemenz auf das christlich-juedische Fundament Deutschlands beziehen“. Dies koenne “man oftmals leider nur als allzu durchsichtigen Versuch werten, das Judentum in Deutschland geradezu gegen ‘den Islam’ in Stellung zu bringen“.

Auch der Vergleich zwischen Afghanistan und Deutschland hinkt gewaltig. Die Geschichte, die gesellschaftlichen Strukturen und das Demokratie-Verstaendnis beider Laender kann man nicht miteinander vergleichen. Hinzu kommt, dass der Stellenwert der Religion in der afghanischen Verfassung eine andere ist. In der Bundesprepublik Deutschland sagt das Grundgesetz nicht, dass das Christentum die Staatsreligion ist, waehrend der Islam in der Verfassung der Islamischen Republik Afghanistan fest verankert ist.