Ich bin ein Integrationsverweigerer

Ich bin auf einen aeltern Artikel in Qantara gestossen, den ich sehr interessant fand. Es ist ein Interview mit dem tuerkischstaemmigen Regisseur Neco Celik, der in Berlin-Kreuzberg aufgewachsen ist.

Auf die Fragen, ob er sich als Tuerke integriert fuehlt, und ob der Begriff Integration ausdrueckt, wie man als Deutschtuerke zu leben hat, antwortete er:

“Integriert? Dieses Wort habe ich zum ersten Mal in den 90ern gehört. Wenn man’s genau nehmen möchte: Ich bin ein Integrationsverweigerer! Keiner kann mir sagen, wie ich zu leben und zu handeln habe. Ich bestimme das, Punkt.”

“Ich vermute, dass die Politiker selbst noch nicht einmal wissen, was sie damit sagen wollen. Bisher hat niemand gesagt: Hier endet die Integration, jetzt hast du es geschafft. Wo ist also Anfang und Ende der Integration? Das Wort kommt mir vor wie eine Seife, die immer wegrutscht. Deswegen scher’ ich mich nicht um die Integration. Wichtig ist natürlich: Wenn man kein Deutsch kann, dann ist der Radius begrenzt in Deutschland, aber das ist doch selbstverständlich. Viele Politiker benutzen dieses Wort als Ersatz für alles Mögliche. Wenn sie sagen würden: “Ihr müsst eine andere weitere Kultur verinnerlichen, dann könnten wir darüber diskutieren. Aber sie sagen ja nichts.”

Ich finde seine Antwort sehr interessant: Welches Recht hat der Staat zu bestimmen, wie man sich z.B zu kleiden hat? Ab welchem Zeitpunkt ist man integriert? Wer definiert, was Integration bedeutet? Ist es nur die Einhaltung der Gesetze und Regeln, oder muss man sich z.B. auch die Essgewohnheiten der Mehrheitsgesellschaft anpassen, damit man dazugehoert?

Ich lebe schon seit laenger Zeit im Ausland und bin in den letzten Jahren ziemlich viel in der Welt herumgekommen. Wenn ich ab und zu mal wieder in Deutschland bin, dann frage ich mich immer wieder, was an Parallelgesellschaften grundsaetzlich auszusetzen ist? Wenn man z.B. nach New York fliegt, dann wird Chinatown als Touristenattraktion praesentiert. So ist es auch mit Chinatown in Sydney, Little India in Singapur, Little Tokyo in Los Angeles, Little Havana in Miami, das Christenviertel in Kairo usw. usf. Aber in Deutschland hat der Begriff eine negative Konnotation. Warum eigentlich?

Die Menschen verschiedener Herkunft muessen nicht alle gleichgeschaltet sein, und sich auch nicht lieben. Aber wenn man die Gesetze und Regeln des Landes beachtet, einer geregelten Arbeit nachgeht, seine Steuern zahlt und sich gegenseitig respektiert – nach dem Motto: Leben, und leben lassen -, dann kann man auch mit Parallelgesellschaften leben. Wie oben schon erwaehnt, gibt es viele Beispiele auf dieser Welt, wo das Nebeneinander mehr oder weniger gut funktioniert.

Natuerlich ist Deutschland kein klassisches Einwandererland, wie z.B. die USA oder Australien. Daher geht es in Deutschland eher darum, dass man Angst vor der Ueberfremdung hat, und die eigene, deutsche Identitaet verliert. Das Fremde macht Angst, besonders wenn man selbst als ethnischer Germane z.B. keine Babies mehr produziert, aber die Einwanderer Kinderreichtum als ein Segen empfinden und in einigen Ballungsgebieten die Mehrheit stellen.

Auch spielt Sozialneid und Herkunft in Deutschland eine grosse Rolle. In den Zeiten der Wirtschaftskrise, wo die Arbeitslosenzahl generel steigt, glaubt man zum Beispiel, dass man als ethnischer Germane eher das Recht auf einen Arbeitsplatz hat, als z.B. ein ethnischer Tuerke, der zwar in Deutschland geboren ist und einen deutschen Pass besitzt, aber dessen Eltern eingewandert sind. Selbst die nachfolgenden Generationen der Einwanderer werden immer noch als ewige Gastarbeiter gesehen. Und die alteingesessenen Germanen gehen immer noch davon aus, dass sie die Hausherren sind. Und der Hausherr hat immer mehr Rechte als der Gast.

In Deutschland kommt es immer noch sehr auf die Ethnie an. Die Staatsangehoerigkeit ist nebensaechlich und Papier ist geduldig. Deswegen werden die Deutschen mit Migrationshintergrund auf den Hetzseiten auch abwertend als Passdeutscher bezeichnet.