Die juedisch-christlich gepraegte Leitkultur

Dass die Aussagen von Bundespraesident Wulff bezuegl. des Islams und der Muslime nicht ueberall in der Bundesrepublik auf Euphorie stossen wuerde, war vorauszusehen. Es war sogar zu erwarten, dass Kritik aus der Richtung der bayerischen CSU kommen musste. Der CSU-Innenexptere Norbert Geis sagte im Deutschlandfunk:

Müller: Also für die CSU gehört der Islam auch zu Deutschland?

Geis: Nein! Das habe ich damit gerade nicht gesagt. Wenn man damit sagen will, dass wir Muslime in Deutschland haben, dann ist dies Realität. Wir haben über vier Millionen Muslime in Deutschland. Aber wenn man gleichsetzen will, der Islam gehört so zu Deutschland, wie Judentum und Christentum zusammen zu Deutschland gehören, dann wäre das falsch, denn wir haben – das sagt ja auch der Bundespräsident – eine vom Judentum, vom Christentum, eine jüdisch-christlich geprägte 2000-jährige Geschichte, an der wir nicht vorbei kommen, aus der auch keiner aussteigen kann und nach der sich auch die Muslime – das sagt der Bundespräsident ja auch – richten müssen. Nach den Regeln unserer Kultur, die unsere Kultur entwickelt hat, so wie wir sie heute haben, danach müssen sich auch die Muslime richten. Das ist die große Aufgabe der Integration und die steht erst noch bevor. Erst dann, wenn dies gelungen ist, kann man sagen, dass der Islam zu Deutschland gehört, wie andere Kulturen auch zu Deutschland gehören.

Müller: Bleiben wir noch mal bei dem Satz: der Islam gehört zu Deutschland, hat der Bundespräsident gestern gesagt. Herr Geis, wenn ich Sie richtig verstanden habe, hat der Bundespräsident sich dabei geirrt?

Geis: Nein. Ich meine, ich habe ja auch gesagt, Muslime sind in Deutschland. Wir haben über vier Millionen Muslime in Deutschland, das ist Realität. Aber wenn damit gemeint ist – und das sagt er ja nicht; man kann es aber so deuten -, wenn damit gemeint sein sollte, dass die Muslime zu Deutschland gehören wie Judentum und Christentum, dass der Islam zu Deutschland gehört wie Judentum und Christentum, kann das nicht ganz richtig sein, denn unsere Kultur ist ja gerade – und das sagt er ja gerade auch – jüdisch-christlich geprägt.

Müller: Aber er hat es ja in einem Atemzug gesagt. Er hat die Juden genannt, er hat das Christentum genannt und dann den Islam.

Geis: Ja, das ist richtig. Deswegen ist das ein wenig missverständlich, das gebe ich ohne weiteres zu. Deswegen kann man auch mit dieser Aussage so nicht einverstanden sein, denn wir wollen ja haben, dass unsere Kultur erhalten bleibt. Wir wollen nicht muslimische Kultur haben, sondern wir wollen unsere Tradition, wir wollen unsere jüdisch-christliche Kultur, wir wollen das christliche Abendland, dass dieses Abendland christlich weiter besteht. Das ist unser Wollen.[…]

Müller: Herr Geis, haben Sie auch eine Erklärung dafür, warum der Bundespräsident eben alle drei Religionen in einem Atemzug genannt hat und damit das auch gleichwertig bewertet hat?

Geis: Aber nein. Wenn ich das wörtlich sehe, dann hat er gesagt, das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland, das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland, das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Und dann sagt er aber, der Islam gehört auch zu Deutschland. Wenn darin eine Gleichsetzung zu sehen wäre, wäre es falsch, dann wäre es auch realitätsfremd.[…]

Herr Geis, ich kann Ihnen genau sagen, warum der Bundespraesident alle 3 Religionen in einem Atemzug gennant hat. Denn das Grundgesetz macht auch keine Unterschiede. Artikel 4 besagt:

1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

Das Grundgesetz hebt nicht bestimmte Religionen hervor, oder besagt, wie die Bundesrepublik gepraegt ist. Zudem muessten Sie naeher erlaeutern, was Sie mit “2000 Jahre juedisch-christlich gepraegt” meinen. Die Juden wurden fast die gesamten letzten 2000 Jahre auf europaeischem Boden verfolgt, diskriminiert und diffamiert – auch von bekannten Persoenlichkeiten wie Martin Luther (siehe hier fuer eine Liste der Judenverfolgung). Diese Diskriminierung und Hetze fuehrte immer wieder zu Progromen, und artete im Dritten Reich im Holocaust aus. Wie genau haben die Menschen juedischen Glaubens die Bundesrepublik gepraegt, die fuer alle moeglichen Verschwoerungstheorien der christlich gepraegten Leitkultur herhalten mussten?

Ich habe den Eindruck, als ob diese Floskel immer als Alibi genannt wird. Denn wuerde man nur “christlich gepraegt” sagen, dann muessten sich Menschen wie Norbert Geis die Frage gefallen lassen, ob die juedische Religion in Deutschland keinen Stellenwert hat.