Umdenken im Umgang mit der Tuerkei

Bundesinnenminister Thomas de Maizière wird heute einen dreitaegigen Besuch in der Tuerkei antreten. Unter anderem wird die tuerkische Regierung mit grosser Wahrscheinlichkeit die Forderung nach einer Aufhebung der deutschen Visumspflicht – besonders fuer Geschaeftsreisende – bekraeftigen. Tuerkische Geschaeftsleute und auch deutsche Unternehmen, die Niederlassungen in der Tuerkei haben, sind nicht gluecklich ueber die langwierigen und komplizierten Antragsverfahren fuer die Visavergabe. Im Gegensatz zu z.B. Italien und Frankreich sind Visa fuer Deutschland fuer tuerkische Staatsbuerger sehr schwer zu bekommen. Deswegen befuerchten die deutschen Unternehmen einen Wettbewerbsnachteil, wenn es um Geschaefte mit der aufstrebenden Wirtschaftsmacht Tuerkei geht. Die Zeit schreibt:

[…]Denn in der Türkei wird ihm eine Rechnung präsentiert, die man sich in der deutschen Debatte um den Schutz der Grenzen nicht so klar macht: die Kosten der Angst.

Diese Bilanz hat kurz vor de Maizières Besuch die Deutsch-Türkische Industrie- und Handelskammer eröffnet. Es geht um das Visumproblem. Für Deutsche stellt es sich nicht. Sie kaufen sich ein Ticket, fliegen in die Türkei, bekommen einen Stempel bei der Einreise – und sind drin, für drei Monate. Nicht so für den türkischen Geschäftspartner. Er wartet nicht selten mehrere Monate auf einen Termin für die Abgabe seiner Papiere im Konsulat.

Für den Visumantrag verlangt die deutsche Botschaft auf ihrer Netzseite 21 (!) Anlagen, Beglaubigungen, Dokumente und bestempeltes Papier, als ginge es darum, das Millionenerbe einer reichen Großtante anzutreten. Hier aber muss bezahlt werden: sechzig Euro. Die Termine werden immer mehr von privaten Firmen vergeben, anonyme Callcenter übernehmen. Die Ablehnungsrate der Konsulate ist hoch, fast 13 Prozent der Antragsteller haben umsonst Papiere gesammelt. So wird der Visa-Antrag zum erheblichen Geschäftshindernis.[…]

[…]Was kümmert’s die Deutschen?”, könnte man in Berlin denken. Solange wir selbst reisen und exportieren können, gibt es eigentlich keinen “Handlungsbedarf”. Irrtum. Denn die Kosten der Angst lassen sich allmählich beziffern. Deutschland war lange Jahre der wichtigste Lieferant der Türkei. Die Deutsch-Türkische Handelskammer rechnet vor, dass Deutschland beim Wachstum mittlerweile auf den dritten Platz der Importeure abgerutscht ist. Der deutsche Marktanteil in der Türkei sinkt. Türkische Investitionen in Deutschland stagnieren.[….]

[…]Nur dieses Beispiel: der ägyptische Unternehmer und Absolvent der deutschen Schule, der drei Mal vom Konsulat Kairo abgelehnt wurde, kauft seine Maschinen mittlerweile in Südkorea. Geht auch. Die deutsche Angst kostet Arbeitsplätze in Deutschland. […] Mittlerweile höre ich auf Reisen in der arabischen Welt, der ehemaligen Sowjetunion und in Nordamerika, dass man für internationale Konferenzen und Geschäftstreffen um Deutschland lieber einen Bogen macht. Man weiß nicht, wie willkommen man ist, man will sich den Visaprozeduren nicht unterziehen. Andere Länder wirken attraktiver. Die Türkei verlangt nur von wenigen Ländern der Welt vor Reisebeginn ein Visum. Deshalb trifft sich die halbe Welt in Istanbul. Thomas de Maizière kann sich das bei seinem Besuch in dieser Woche ansehen.

Bei der Wirtschaftskraft ist die die Tuerkei zur Zeit die Nummer 17 auf der Welt. In Europa ist das Land am Bosphorus die siebt staerkste Wirtschaftsmacht. Nach New York, Moskau und London ist Istanbul die Stadt mit den meisten Milliardaeren auf diesem Planeten (Quelle: hier, hier und hier).

In Deutschland muss ein Umdenken im Umgang mit der Tuerkei stattfinden. Teilweise wird die Tuerkei immer noch so gesehen, wie Sarrazin und Kelek die tuerkischen Migranten darstellen: als ungebildete, ehrenmordende, zwangsverheiratete dumme Muslime, die keine produktive Funktion haben, ausser dem Obst- und Gemuesehandel. Es wird Zeit, dass man diese Mentalitaet ablegt, und mit der Tuerkei partnerschaftlich auf gleicher Augenhoehe umgeht.

Wenn man sich die momentane Behandlung der Tuerken und der Tuerkei vor die Augen fuehrt, dann wirkt diese Kampagne fast wie Hohn.