Starke Frauen, schwerer Weg

Die Lebenswelten der meisten muslimischen Frauen in Deutschland unterscheiden sich kaum von denen nichtmuslimischer Frauen. Insbesondere jüngere und in Deutschland sozialisierte Musliminnen streben nach Bildungschancen, beruflichem Erfolg und Gleichberechtigung in der Partnerschaft. Sie betrachten diese Gesellschaft selbstverständlich als ihre Gesellschaft und entscheiden selbstbestimmt, ob und wie sie ihrem Glauben im alltäglichen Leben Ausdruck verleihen.

Viele absolvieren eine Berufsausbildung oder ein Studium, wollen mitgestalten und vertrauen fest darauf, dass ihre Fähigkeiten und Leistungen anerkannt und genutzt werden. Sie können wichtige Leit- und Vorbilder für andere muslimische und nichtmuslimische junge Frauen sein und sind hierzu auch bereit. Gleichwohl begegnen sie – insbesondere wenn sie sich dafür entschieden haben, ein Kopftuch zu tragen – in der Arbeitswelt, im Bildungs- und Ausbildungssystem und in der Öffentlichkeit vielfältigen Ausgrenzungsund Diskriminierungserfahrungen, die dieses Anliegen massiv erschweren:

  • In Bewerbungsverfahren für reguläre Stellen werden Frauen mit türkisch klingenden Namen bei gleicher Ausbildung und Qualifikation gegenüber Bewerberinnen mit deutsch klingenden Namen regelmäßig benachteiligt. Bewerberinnen, die ein Kopftuch tragen, werden ungeachtet ihrer Qualifikation häufig nicht zu Vorstellungsgesprächen eingeladen.
  • Für kopftuchtragende Lehramt- oder Jurastudentinnen endet der Berufsweg in vielen Bundesländern schon bevor er überhaupt beginnt – egal wie gut oder schlecht sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Denn seit 2003 haben insgesamt acht Bundesländer so genannte Neutralitätsgesetze erlassen. Sie untersagen Lehrerinnen an öffentlichen Schulen das Tragen des Kopftuchs. In einigen Bundesländern gilt das Kopftuchverbot auch für Erzieherinnen und für Teile oder die Gesamtheit der Beamtenschaft in Justiz, Polizei und Strafvollzug.
  • Muslimische Studentinnen bemühen sich trotz guter Studienleistungen häufig erfolglos um Praktikumplätze. Ihre Anfragen in der öffentlichen Verwaltung, bei Beratungsstellen, in Kindertagesstätten, Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen werden häufig abschlägig beschieden oder ignoriert, während nichtmuslimische Kommilitoninnen im selben Bewerbungsverfahren zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden.
  • Langjährigen und bewährten Mitarbeiterinnen in Beratungsstellen, Kindertagesstätten und Pflegeeinrichtungen wird gekündigt, weil ihre Arbeitgeber der Auffassung sind, dass kopftuchtragende Mitarbeitende den Klienten, Kunden und Patienten nicht zuzumuten sind.
  • In Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen müssen kopftuchtragende Studentinnen oder Praktikantinnen ihre Tätigkeit oft nach längerer Mitarbeit beenden, weil Patienten oder Mitarbeitende sich massiv über ihr Erscheinungsbild beschweren und die Vorgesetzen diesem Druck nachgeben statt die jungen Frauen zu unterstützen.
  • Auf dem Wohnungsmarkt, im Gesundheitssystem und beim Einkauf von Waren und Dienstleistungen sind muslimische Frauen überproportional häufig von Unfreundlichkeiten des Gegenübers und der Nichterbringung einer Leistung betroffen. Kopftuchtragenden Frauen wird die Mitgliedschaft in Fitness-Studios verwehrt, Familien, denen kopftuchtragende muslimische Frauen angehören, wird das Betreten gastronomischer Einrichtungen verweigert.
  • Herablassendes, ablehnendes Verhalten in der Öffentlichkeit, Pöbeleien, Beleidigungen und Beschimpfungen in der U-Bahn oder in Bussen erfahren kopftuchtragende Frauen häufig. Einige berichteten sogar, von Passanten bespuckt worden zu sein.

Um die gesellschaftliche Situation muslimischer Frauen nachhaltig zu verbessern, sollte eine Stelle geschaffen werden, die Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen von Muslimen, insbesondere von muslimischen Frauen erfasst, dokumentiert und wissenschaftlich auswertet. Eine solche Stelle soll darüber hinaus

  • in Frauengruppen und -organisationen Schulungsveranstaltungen über das Allg. Gleichbehandlungsgesetz und andere Instrumente gegen Diskriminierung durchführen;
  • Materialien erstellen, in denen kopftuchtragende und nicht kopftuchtragende muslimische Frauen portraitiert werden, die über individuelle Diskriminierungserfahrungen berichten, gleichzeitig aber deutlich machen, dass muslimische Frauen selbstbestimmt sind und mit ihren Qualifikationen wichtige Beiträge zur Weiterentwicklung dieser Gesellschaft leisten können;
  • Unternehmen und Betriebe wie z.B. die Unterzeichner der Charta der Vielfalt zu ihrer Einstellungspraxis im Hinblick aufmuslimische Frauen befragen und eine konkrete „Qualifizierungs- und Ausbildungsinitiative für muslimische Frauen im Beruf“ entwickeln. Im Rahmen dieser Initiative sollen Unternehmen für die schwierige Situation muslimischer Frauen sensibilisiert und um Auskunft gebeten werden, ob sie dazu bereit sind, muslimischen Studentinnen mit und ohne Kopftuch bedarfsorientiert Zugang zu Praktikumplätzen zu gewähren, ihnen Plätze zur Ableistung des Anerkennungsjahres anzubieten oder ausgeschriebene reguläre Stellen mit qualifizierten muslimischen Absolventinnen zu besetzen.

Die Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz empfiehlt den Regierungen der Mitgliedstaaten, in denen muslimische Gemeinschaften angesiedelt sind und in einer Minderheitensituation leben:

  • Maßnahmen zu ergreifen, ggf. einschließlich gesetzgeberischer Maßnahmen, um die religiöse Diskriminierung beim Zugang zu Beschäftigung und am Arbeitsplatz zu bekämpfen;
  • Die Arbeitgeber darin zu bestärken, einen ‚Verhaltenskodex’ zur Bekämpfung religiöser Diskriminierung beim Zugang zu Beschäftigung und am Arbeitsplatz zu erstellen und umzusetzen und ggf. auf die Schaffung von Arbeitsplätzen hinzuarbeiten, die die Vielfalt der fraglichen Gesellschaft widerspiegeln.

Das war die Zusammenfassung der Broschuere “Starke Frauen, schwerer Weg” ueber die Benachteiligung muslimischer Frauen in der Gesellschaft, herausgegeben vom Interkultureller Rat in Deutschland. Die detaillierte 28-seitige Analyse koennt ihr euch als PDF hier herunterladen.

Vielen Dank an H.S. fuer den Hinweis