Offener Brief an Jürgen Todenhöfer

In letzter Zeit bin ich öfter wirklich verzweifelt und denke, das kann doch nicht wahr sein, steht das da wirklich in der Zeitung? Damit meine ich all die ignoranten, von oben herabgeschriebenen, demütigenden Artikel und Schuldzuweisungen, die im letzten Jahrzehnt den Muslimen immer wieder in die Schuhe geschoben wurden. In meinem Kopf, in dem ich mir immer sehr viel Mühe um differenziertes Denken und Beurteilen gebe, hat sich immer mehr das Bild von einem „Westen“, Uncle Sam, nennt es wie ihr wollt, abgezeichnet, der mir und einigen anderen meiner millionen muslimischer Mitbürger an den Kragen möchte und dies auch verbal und (in den Kriegen in Afghanistan und Irak) sogar mit physischer Gewalt tut und niemand interveniert.

Das ist wohl auch schon dem einen oder anderen aufgefallen. Ein deutscher Politiker, Jürgen Todenhöfer, hat sich mit diesem Thema auseinander gesetzt. Ich habe letztens das Buch Warum tötest du Zaid? von ihm gelesen.

Er ist Undercover in den Irak gereist, um Informationen zu sammeln, die nicht vom U.S. Militär zensiert wurden und eine schreckliche Wahrheit kommt zu Tage.

Dies ist mein Leserbrief, den ich nach der Lektüre geschrieben habe:

Sehr geehrter Herr Todenhöfer,

ich habe Ihr Buch sehr gerne gelesen, auch wenn es leicht masochistische Züge hatte, all die erlittenen Qualen zu lesen und die Bilder im Band anzusehen. Ich musste alle paar Seiten vor lauter Verzweifelung anfangen zu weinen, das fing schon mit Ihrer Erinnerung an die Zugfahrt in Algerien an, wo Sie diesen Jungen beschreiben, der seine Limonade verkaufen wollte.

Ich habe beim lesen immer wieder gebetet, lieber Gott, danke dass wir in Frieden leben dürfen, obwohl ich nicht weiß, womit wir das verdient haben, und musste schmunzeln, als ich es von Ihnen auch gelesen habe.

Trotzdem machen Sie mir Hoffnung, denn alle diese Menschen, die nicht erhört werden, die für die Ängste und Begierden anderer verantwortlich gemacht werden, haben jetzt endlich die Gelegenheit erhört zu werden. Ihre Interviews (die man auf youtube verfolgen kann) finde ich auch sehr gut! Während ich Ihr Buch gelesen habe, habe ich mich die ganze Zeit gefragt, „was kann ich tun?“, denn ich fühle mich hilflos gegen die gefühlte Allmacht der Hetze in den Medien. Ich bin Türkin,Tochter einer Einwandererfamilie dritter Generation und ich habe einen Blick auf beide Welten, wobei selbst mein eigener Blick von den westlichen Medien verschleiert wird.

Jahrelang habe ich mich wirklich entweder dafür brüsten müssen, dass ich Muslima bin oder es gar nicht erwähnen können. Es ist nichts normales in Deutschland Muslim zu sein, man muss sich für alles verteidigen, erklären, abwiegeln. Es ist eine Erleichterung, von so toleranten Menschen wie Ihnen zu lesen, Sie wissen gar nicht, wie sehr das einen erleichtert und einem aber auch zeigt, mit was für einer unterdrückten Nervosität man lebt. Es fühlt sich an, als würde man erst merken, dass man die Luft angehalten hat, wenn man plötzlich aufatmen kann.

Wenn ich schon in meiner eigenen Heimat, für die ich Deutschland doch halte, nicht voll akzeptiert werde oder immer drei mal mehr geben muss als andere, wie kann ich in der Welt für mehr Gleichberechtigung und für ein gegenseitiges Verständnis sorgen?

Für mich war Ihre Lektüre befreiend und ich dachte „das muss doch für alle einen Aha-Effekt ergeben“ doch einige Kommentare auf ihrem Online-Gästebuch finde ich ebenso erschreckend wie die Artikel, die in der Welt, Spiegel, geschweige denn in der Bild veröffentlicht werden.

Wieso glauben Menschen lieber, dass jemand böse sein muss, obwohl Sie sie entweder nicht kennen (Beschuldigung Bürger fremder Länder) oder nicht kennen (eigene Nachbarn schon seit 30 Jahren)? Ich tippe darauf, dass es daran liegt, dass sie sie tatsächlich nicht kennen, nicht kennenlernen wollen und auch keinerlei Interesse daran haben, über Ihren eigenen Nabel zu schauen oder etwa eigene Stereotypen zu hinterfragen.

Wieso können Menschen in fremde Länder einfallen – aus politischen Gründen und Habgierigkeit – die ganze Welt belügen, unschuldige Menschen töten, die eigenen Soldaten ausgeben und dem sicheren Tod hingeben, als sei es der Benzin im eigenen Tank und trotzdem in die Kamera grinsen? In was für einer Welt leben wir?

Manchmal kann ich abends nicht einschlafen und frage mich, kann sich Geschichte so leicht wiederholen?

Ich bin für eine Aufklärung der europäischen Bevölkerung im Bezug auf den Islam. Er hat lange genug als Feindbild gedient, an dem sich Machthaber wie Kaiser und Päpste bedienen konnten, um ihre Bevölkerung für mehr Macht aufhetzen konnten. Der Islam ist nun in Europa angekommen und ein Teil von ihr. Ich weigere mich, mich hetzen oder manipulieren zu lassen, deshalb stehe ich für Aufklärung und ein offenes Miteinander, denn ich glaube inzwischen fest daran, dass wir, die europäische Bevölkerung, uns nicht mehr von einigen Ignoranten blenden lassen müssen, um aufeinander gehetzt zu werden.

Dieses Buch hilft uns, uns von falschen Informationen und Verleumdungen abzugrenzen. Ich kann es jedem nur empfehlen, vielleicht erschließt sich euch aus meinem Leserbrief, den ich Herrn Todenhöfer geschickt habe, wie viel es mir gegeben hat.

Bitte lest dazu auch den folgenden Artikel: Bin Laden toetete weniger Menschen als Bush

Vielen Dank an Nilgün fuer diesen Gastbeitrag. Nilgün studiert zur Zeit Asienwissenschaften, und moderiert nebenbei jeden Mittwochabend die OrientAsia-Lounge bei radio96acht in Bonn.