Nichts zu verlieren, aber einiges zu gewinnen

Nicht nur seit dem medienwirksamen Auftreten von Sarrazin, macht sich ein mulmiges Gefühl bei den Migranten in Deutschland breit. Die heftigen Debatten um dumme Türken, nicht anpassungsfähige Muslime und die Gen-Schuld können eindeutig als rassistisch und diskriminierend eingestuft werden. Viel erschreckender ist die breite Zustimmung dieser Thesen innerhalb der deutschen Gesellschaft. Nicht nur der einfache Harz-V Empfänger pikiert sich über die „Ausländer“ sondern auch eine breite Masse der deutschen Politikebene. Nicht sonst ist zu erklären, wie der Ausschluss von Sarrazin aus der SPD einen so starken Widerstand erzeugen kann.

In Anbetracht dieser aktuellen Geschehnisse ist es nicht verwunderlich, dass es eine immer stärker werdende Abwanderung aus Deutschland gibt. 2009 kamen rund 721.000 Menschen nach Deutschland, aber etwa 734.000 verließen gleichzeitig das Land, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. Das ergibt ein Minus von 13.000. Zu beachten ist, dass die Auswanderer im Schnitt deutlich besser qualifiziert sind, als die Erwerbsbevölkerung in Deutschland.

Die Abwanderung von qualifiziertem Personal wird im englischen als “Brain Drain” bezeichnet. Wörtlich bedeutet dies die Abwanderung der Intelligenz und verweist im wirtschaftswissenschaftlichen Diskurs auf die volkswirtschaftlichen Verluste, die durch die Emigration besonders ausgebildeter Facharbeiter oder talentierter Menschen – wie etwa Akademiker –  aus einem Land oder einer Region entstehen.

In den letzten Jahren gab es immer wieder Schlagzeilen über die Abwanderung von deutschen Akademikern mit türkischen Wurzeln. Alleine in meinem persönlichen Umfeld sind ein Dutzend Akademiker ausgewandert und haben ihr Glück im Ausland gefunden.

Die unterschwellige Diskriminierung während der Bewerbungsphase ist fast allen bekannt. Trotz Top Leistungen und Abschlüssen, bekommt man eine Reihe von Absagen und leidet mit der Zeit an Selbstzweifeln.

Nun werde ich ebenfalls diesen Schritt wagen und mich ins Ausland begeben. Ich habe nichts zu verlieren und einiges zu gewinnen. Als ‘Ausländer’ ist man im Ausland ziemlich gefragt und wird mit offenen Armen empfangen­ – in Deutschland undenkbar.

Für einen wirtschaftlichen und internationalen Aufschwung muss die deutsche Gesellschaft nun endlich akzeptieren, dass kommende Generationen gefördert werden müssen. Dabei sollten die Deutschen mit einem Migrationshintergrund nicht als Sonderlinge, sondern als Teil der Gesellschaft betrachtet, und dementsprechend behandelt werden.

Sonst sieht die Zukunft für Deutschland mehr als düster aus.

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Vielen Dank an Neslihan fuer diesen Gastbeitrag. Neslihan ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin mit den Schwerpunkten Politik und Geographie.