Naika Foroutan: Berechnungen sind demagogisch

Seitdem die Politologin Frau Dr. Naika Foroutan bei Beckmann und Maybritt Illner aufgetreten ist, und u.a. auch von den positiven Erfolgen der Migranten gesprochen hat – einige Thesen von Thilo Sarrazin hat sie ueberzeugend widerlegt -, wird in den islam- und fremdenfeindlichen Hetzseiten und von den Sarrazenen massiv versucht, ihre Glaubwuerdigkeit zu untergraben. So auch von dem Soziologen Gunnar Heinsohn, der an der Uni Bremen lehrt, und auch in dem Broder-Blog Die Achse des Guten mitmischt. Er hatte zuvor Frau Dr. Foroutan in der FAZ der Irrefuehrung beschuldigt:

Als Expertin für den Bildungsaufstieg der türkischen Migranten wird gerade Naika Foroutan herumgereicht. Doch die beeindruckenden Erfolge, von denen sie berichtet, dokumentieren eine Irreführung mittels Statistik.

Frau Dr. Foroutan, die an der Humbold-Universitaet zu Berlin arbeitet, hat gestern dazu ebenfalls in der FAZ in dem Artikel Die Berechnungen sind demagogisch Stellung genommen:

Der Sozialökonom Gunnar Heinsohn hat in einem Beitrag für die F.A.Z. behauptet, in der Debatte um türkische Einwanderer würden deren Bildungserfolge schöngerechnet. Die in vielen Talkshows zu Wort gekommene Politologin Naika Foroutan unterschlage wichtige Zahlen. Hier erwidert sie.

Hindernisse der gesellschaftlichen Integration von nach Deutschland Zugewanderten mit muslimischem Migrationshintergrund sind kein Geheimnis. Spätestens seit der ersten Islam-Konferenz und dem ersten Integrationsgipfel der Bundesregierung 2006 sind die spezifischen Schwierigkeiten, die zehn bis fünfzehn Prozent der Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund betreffen, klar benannt. Probleme, die analysiert wurden, damit ein Integrationsplan ausgearbeitet werden konnte, waren unter anderem: Defizite in Schule, Ausbildung, Beruf und Gesellschaft, die Zahl der Schulabbrüche; tradierte, patriarchalisch geprägte Partnerschaften, häusliche Gewalt, Ehrenmorde und ethnische Segregation.

Seitdem werden Tendenzen islamistischer Desintegration bei speziell einem Prozent dieser Grundgesamtheit in Deutschland nahezu täglich thematisiert. Wer behauptet, dass darüber nicht geredet würde und dementsprechend die derzeitige Debatte über „die Muslime“ in Deutschland einen Tabubruch darstelle, dem mangelt es entweder an Kenntnis dieses Themenfeldes. Oder aber er reagiert unterbewusst auf das wirkmächtige Bauchgefühl, gegen das keine wissenschaftliche Analyse antreten kann. Dieses Bauchgefühl besagt, dass der Islam und die Muslime nicht zu Deutschland passen, ergo auch nicht „wirklich deutsch“ sein können, solange „die Muslime“ solche Dinge haben wie das Kopftuch, den Islam und die Bildungsarmut, die Kriminalität, die Ehrenmorde, die Parallelgesellschaft, das fremde Aussehen. Und selbst wenn der Großteil der Fremdzuschreibungen auf den Großteil der Muslime nicht zutrifft, dann können sie immer noch nicht „richtig“ dazugehören, weil eins davon haben sie ja trotzdem noch: den Islam oder wahlweise das Aussehen.

Ein schlagender Gegenbeweis

Das zersetzende Element der Debatte, die aus den ungefähr neunzig Prozent integrierten Muslimen – geht man von den Zahlen des Innenministers aus – tendenzielle Integrationsverweigerer macht, besteht vielmehr im gezielten Weglassen beziehungsweise Nicht-wahrnehmen-Wollen der Integrationserfolge. Daraus wird dann geschlossen, dass speziell für die Gruppe der Muslime aufgrund ihrer kulturellen Herkunft eine mangelnde Integrationsfähigkeit, ja sogar mangelnde Intelligenz feststellbar sei, was sich bei den Folgegenerationen sogar verfestige.

Demgegenüber habe ich auf den Trend verwiesen, der speziell bei der türkischstämmigen Gruppe in der Dynamik der Bildungsentwicklung einen mehr als deutlichen Anstieg zeigt. Drei Prozent der türkischen Migranten hatte in der ersten Generation der Gastarbeiter eine Hochschulzugangsberechtigung (Abitur oder Fachabitur). In der zweiten und dritten Generation der Bildungsinländer sind es allerdings je nach Berechnung 22,5 (Mikrozensus 2009) oder sogar 27,4 Prozent (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge). Der Hinweis darauf dient nicht dazu, die immer noch viel zu niedrige Bildungsquote im Vergleich zur Bevölkerung ohne Migrationshintergrund zu verharmlosen – denn diese niedrige Quote ist seit fünf Jahren die Basis der Integrationspolitik in Deutschland.

Wenn jedoch behauptet wird, Muslime würden aufgrund ihrer kulturellen Unzulänglichkeiten keine Generationenerfolge vorweisen, muss der Hinweis auf solche Zahlen erlaubt sein. Ebenso wie der Verweis auf die Gruppe der Outperformer iranischer, irakischer und afghanischer Herkunft, deren derzeitige (Fach-)Abiturquote mit fünfzig Prozent signifikant über derjenigen der Gesamtbevölkerung liegt. Das soll nicht diese Herkunftsgruppen nun umgekehrt als genetisch intelligenter darstellen. Vielmehr sollte dies als ein schlagender Gegenbeweis zur verallgemeinernden Abwertung der muslimischen Grundgesamtheit gelten.

Ein entwürdigender Utilitarismus

Im Zuge dieser Debatte und im Zuge vieler diffamierender Gesamtaussagen – die nicht eine enthumanisierte „Muslim-Gruppe“ treffen, sondern vorrangig Alltagsmenschen in ihrem derzeit sehr verunsicherten Alltagsleben – wird auf konkrete Integrationserfolge wie Sprache, Bildungsanstieg oder steigende politische Partizipation verwiesen. Wenn unterstellt wird, damit wolle man nur über die Sozialtransfers speziell in dieser Gruppe hinwegtäuschen, liegt ein blinder Fleck vor oder eine Verunglimpfung. Dass die Zahl der türkischstämmigen Personen, die ihren überwiegenden Lebensunterhalt aus Hartz IV bestreiten, bei 9,5 Prozent liegt, ist im Vergleich zu 3,5 Prozent bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund, eine Katastrophe. Sie wird täglich thematisiert, an ihrer Veränderung wird fortwährend gearbeitet. Es ist ein langwieriger Prozess, ja, die Ungeduld ist nachvollziehbar.

Von einer Unterschlagung gar und einer Steigerung um 5000 Prozent der Sozialhilfequote bei Türken zu sprechen ist allerdings demagogisch. Vor allem, wenn Gunnar Heinsohn eine Bundesstatistik aus den sechziger Jahren der Vollbeschäftigung einer Länderstatistik nach Strukturwandel, Wiedervereinigung und Wirtschaftskrise gegenüberstellt. All dies hat den türkischstämmigen Menschen die Zugänge zum Arbeitsmarkt erschwert. Der mitschwingende Verweis auf die „Unproduktivität“ dieser Gruppe, ihre „Kosten“ für den deutschen Staat und ihre Inanspruchnahme der kostenlosen Bildung, welche trotzdem nicht zu gleich hoher Intelligenz führe, zeugt nicht nur von einem entwürdigenden Utilitarismus. Er täuscht auch darüber hinweg, dass der größte messbare volkswirtschaftliche Schaden, der Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg getroffen hat, nicht von der Gruppe „der Muslime“ ausgeht – sondern vom Finanzsektor, dem seltsamerweise bislang niemand die Intelligenz abspricht.

Einen weiteren inteeressanten Artikel von Frau Dr. Foroutan koennt ihr hier lesen.