Ich kann nicht sagen, dass ich hier akzeptiert werde

Eigentlich duerfte es die 18-jährige Abiturientin Duygu nicht geben. Sie ist unsichtbar, doch mehr und mehr tauchen solche ‘Erfolgsgeschichten’ ueber gelungene Integration in den letzten Tagen auf.

Wenn ich mir die Personen mit Migrationshintergrund auf meiner Facebook-Seite anschaue, dann stell ich fest, dass die meisten Akademiker und/oder qualifizierte Fachkraefte zu sein scheinen, perfektes Deutsch sprechen, fuer ihren eigenen Unterhalt sorgen, und jeden Tag unauffaellig ihrer Arbeit und ihrem Studium nachgehen. Doch man scheint sie nicht wahrzunehmen. Nach dem journalistischen Motto “Bad News is Good News” fuellen nicht die guten Beispiele die Schlagzeilen, sondern eher die kriminelle Grossfamilie, oder der Drogendealer mit Migrationshintergrund.

Die Zeit berichtet ueber Duygu als ein Beispiel gelungener Integration:

[…]Duygu besucht die 13. Klasse eines Gymnasiums in Köln. Sie ist immer gerne in die Schule gegangen und eine gute Schülerin. Sie will Ärztin werden.

Der Großvater ist Gastarbeiter der ersten Generation. Die Mutter, 48, kam mit 13 Jahren aus der Türkei. Nach dem Hauptschulabschluss musste sie in einer Fabrik zum Familieneinkommen beitragen, obwohl sie lieber eine Ausbildung gemacht hätte. Heute arbeitet sie als Verkäuferin in einem Supermarkt. Die Eltern von Duygu haben sich kurz vor ihrer Einschulung getrennt, der Kontakt zum Vater ist irgendwann abgebrochen.

Bildungsfernes Gastarbeitermilieu, Muslimin, alleinerziehende Mutter, Mädchen – ginge es nach den Besserwissern der deutschen Integrationsdebatte, dürfte es selbstbewusste junge Frauen wie Duygu nicht geben. Gibt es aber. Und zwar in jeder Abiturklasse. Weil Deutschland nicht nur Neukölln ist, und Menschen sich erlauben, ein eigenständiges Leben jenseits der Klischees zu leben.

Weil es sie gibt, muss sie sich allerdings ständig erklären. Duygu ist gläubige Muslimin, sie trägt kein Kopftuch und kellnert in einem Brauhaus. Das ist der Ort, den Touristen aufsuchen, wenn sie sich etwas besonders Deutsches anschauen wollen.

Wenn Duygu dort im alkoholseligen Karnevalstrubel kellnert, muss sie sich von den deutschen Gästen anhören, dass es sie eigentlich nicht geben darf, nicht an diesem Ort jedenfalls. Sie als junge Frau, sie als Muslimin, und dann der ganze Alkohol! Für sie ist es keine Sünde, es ist ein Schülerjob, den sie gerne macht. Sie merkt, dass sie selbstbewusster geworden ist; denn ein Brauhaus in Köln ist keine Mädchenpension.

Dieses Selbstbewusstsein braucht sie auch. Seit der 5. Klasse muss sie jedem Lehrer und jedem Mitschüler immer wieder erklären, warum sie kein Kopftuch trägt. Dabei hat es an ihrer Schule keine einzige Kopftuchträgerin gegeben. Sie versteht das nicht. Trägt man ein Kopftuch, muss man sich rechtfertigen, trägt man kein Kopftuch ebenfalls.

Duygu möchte auch nicht unterstellt bekommen, sie wüsste, was islamistische Terroristen antreibt. Woher soll sie das wissen? Ein islamistischer Terrorist ist so weit von Duygus Welt entfernt wie ein hinduistischer Fundamentalist in Indien. Sie möchte einfach ihr Leben und ihre Träume leben. Gerne in diesem Land, dessen Staatsbürgerin sie ist. Sie hat ihre “Bringschuld” Deutschland gegenüber erbracht. Vorbehaltlose Akzeptanz im Gegenzug wäre nur fair. Duygu: “Ich mag Deutschland, aber manchmal nervt es. Ich kann nicht wirklich sagen, dass ich hier akzeptiert werde.”

Eingeholt hat sie die Sarrazin-Debatte dann doch. Letzte Woche im Philosophieunterricht hat ein türkischer Mitschüler spaßeshalber das Thema aufgebracht. Die Lehrerin wollte wissen, was die Abiturienten über die Thesen Sarrazins denken. Und plötzlich war Schweigen. Ein bedrückendes, weil beredtes Schweigen. Niemand wollte sich zu dem Thema äußern. Dieses Schweigen hat Duygu betroffen gemacht. Sie hat verstanden, dass viel Unsagbares in dem Schweigen steckt. Und plötzlich hat sie sich die Frage gestellt, wie ehrlich das Verhältnis untereinander eigentlich ist: “Was ist es, was die Mitschüler denken und uns nicht sagen können?”

Duygu ist sicher kein Einzelfall. Viele sagen, dass die Integrationsdebatte nicht diese Personen anspricht, sondern diejenigen, die integrationsunwillig sind. In der Praxis sieht es aber eher so aus, dass alle Menschen mit Migrationshintergrund  in einen Topf geworfen werden. Wie sonst laesst sich die Frustration der angeblich unbetroffenen Personen – wie Duygu – erklaeren?