Cem Gülay redet ueber die Zukunft

Ueber Cem Gülay und sein Buch Tuerken Sam: Eine deutsche Gangsterkarriere hatte ich frueher schon einmal einen Artikel veroeffentlicht. In seinem Buch hatte mir besonders gut seine Erklaerung der verschiedenen Generationen der Immigranten gefallen. Cem hat dazu noch einmal in der Frankfurter Rundschau Stellung genommen:

Er spricht von gleich sechs Generationen der türkischen Immigranten in Deutschland; und er selbst reiht sich unter die Generation “Kinder der Facharbeiter” ein, die eine Erfolgsgeschichte vorweisen können – aber das gilt nicht für alle.

Wenn wir heute von jugendlichen Deutschtürken reden, sprechen wir immer von der dritten Generation. Ich glaube aber, dass wir mit diesem Begriff nicht weiterkommen. Wie ich die Dinge sehe, gibt es bereits sechs Generationen von Türken in Deutschland. Ich betrachte diese Unterscheidung für das allgemeine Verständnis als sehr wichtig. Und weil man in Deutschland ja jeder Generation gern einen Namen gibt, will ich sie auch gleich benennen:

1. Facharbeiter. Leute, die in der Türkei bereits etwas gelernt hatten oder zu Facharbeitern ausgebildet wurden, wie mein Vater. Für diese Leute, die sich etwas aufgespart haben, die sparten, die Einzelhändler und Unternehmer wurden, steht vielleicht ein Mann in Deutschland ganz besonders: Vural Öger, der das äußerst erfolgreiche Reiseunternehmen Öger-Tours gegründet hat. Ich nenne diese Generation Generation Öger-Tours.

2. Drecksarbeiter. Das waren Arbeiter, die nur noch als Billigkräfte eingesetzt wurden, die aus rückständigen Dörfern in Anatolien kamen und die doch arbeitsame und strebsame Leute waren. Ihre Arbeitswelt hat Günter Wallraff beschrieben. Das ist die Generation Ganz unten.

3. Kinder der Facharbeiter, meine Generation der heute 25- bis 40-Jährigen. Sie wurden zumeist in Deutschland geboren, haben Berufe erlernt, Abitur gemacht und studiert. Immerhin 20?000 dieser Generation sind laut Spiegel Akademiker geworden. Ärzte, Rechtsanwälte, Politiker, Schauspieler. Es ist die Generation Chance.

4. Kinder der Generation Ganz unten. Sie sind zumeist nachgezogen und kamen oft erst mit 10, 15, 16 oder 17 Jahren nach Deutschland. Sie haben nicht selten keinen Schulabschluss, bekamen keine Jobs mehr und saßen kulturell von Anfang an völlig zwischen den Stühlen. Viele wurden gewalttätig und kriminell. Ich möchte sie nach dem Buch des deutsch-türkischen Schriftstellers Feridun Zaimoglu die Generation Kanak Attack nennen.

5. Kinder der Generation Kanak Attack. Sie sind heute zwischen 15 und 25 Jahre alt. Allzu oft mit Sozialhilfe und Hartz IV aufgewachsen, sind 72 Prozent der deutsch-türkischen Jugendlichen nicht mehr ausreichend qualifiziert, haben die schlechtesten Noten der PISA-Studie und die höchsten Kriminalitäts- und Arbeitslosenzahlen. Ich nenne sie nach dem Film des Kurdischen Regisseurs Züli Aladag Generation Wut.

6. Kinder der Generation Chance, also unsere geborenen und ungeborenen Kinder, und diese Generation würde ich gern noch mit einem Fragezeichen versehen: Generation angekommen?

Da sehe ich die Dinge doch positiv und freue mich mal über die Generation Chance. Also meine Generation, nach offizieller Lesart die zweite Generation. Viele dieser aus Generation haben es irgendwie geschafft – natürlich mit Ausnahme von mir. Mein Cousin, der Bauingenieur, meine Cousine, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses (SPD). Aber was lese ich plötzlich im Spiegel? Die wandern aus? Die hauen alle ab? Wieso das denn? Laut Spiegel will fast die Hälfte der qualifizierten Deutschtürken ins Ausland, weil sie hier immer seltener Jobs bekommen.

Und wer bleibt? Die Generation Kanak Attack und ihre Kinder. Sie geht nicht ins Ausland, weil sie gar nicht die Bildung dafür besitzt. Sie kehrt auch nicht zurück in die Türkei, weil sie dort fremd ist. Wenn die Generation Chance zu einem großen Teil auswandert, nimmt sie ihre Kinder mit. Zurück bleibt also auch die Generation Wut. Und was bleibt der Generation Wut? Kriminalität und Religion. Nein? Wut minus Chance = Kriminalität und Fundamentalismus. Einfache Gleichung, oder?

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