Lamya Kaddor: Was wollt ihr dann von uns?

In der Printausgabe der Sueddeutschen Zeigung vom 28. August 2010 hat Lamya Kaddor – Islamwissenschaftlerin und Religionspaedagogin – einen Artikel verfasst, der sich mit den Thesen Thilo Sarrazin’s befasst. Ich habe mir die Muehe gemacht, es abzutippen, und es auch euch zur Verfuegung zu stellen, weil ich es fuer eine sehr gelungene Analyse halte:

Man muss diesen Text mit einem Paradoxon beginnen: Ich existiere gar nicht. Ich schreibe zwar diese Zeilen, aber ich bin nicht da. Ich haben naemlich studiert und gehe einem sozialversicherungspflichtigen Job nach; ich verteidige die Demokratie und bin doch glaeubige Muslimin. In den Augen vieler Zeitgenossen kann es das aber nicht geben. Nein, dies ist kein Maerchen; es ist ein schlechter Witz, der mitten in der Realitaet Deutschlands seine Runden macht. Seit einer Woche draengt ein neuer Erzaehler auf den Plan: Thilo Sarrazin, SPD-Mitglied und Vorstand der Bundesbank, der seine kruden Weisheiten unter dem Deckmantel der Integrations-Debatte unters Volk bringt. Einige moegen sich ueber ihn und sein neues Buch aergern. Andere moegen entsetzt sein, mit welch Chuzpe er Gehaessigkeiten von sich gibt. Doch der eigentliche Skandal ist nicht Sarrazin. In Deutschland gilt das Recht auf freie Meinungsaeusserung; unsere Demokratie muss auch die Parolen der NPD ertragen.

Besorgniserregender und gefaehrlicher fuer das gesellschaftliche Gefuege sind all jene, die Sarrazins chauvinistischen Darlegungen hoffaehig machen. Das eigentlich Erschuetternde ist der breite Raum, der ihm geboten wird. Wann kommt es vor, dass eine grosse Zeitung fuer ein Buch, das im Grunde nichts Neues erzaehlt, gleich an mehreren Tagen ganze Seiten frei raeumt, um darauf Auszuege abzudrucken weitgehend frei von jeder kritischen Begleitung? Der Autor wird im Gegenteil als “Klartext-Politiker” positiv apostrophiert. Seine Ausfuehrungen heissen “Analysen”, dabei koennten Studierende im Grundstudium seine Argumente muehelos widerlegen. Warum also so viel Ehre fuer einen Mann, der behauptet, das Versagen von Teilen der tuerkischen Bevoelkerung koennte auch genetisch bedingt sein? Der mit der Einschraenkung von Grundrechten spielt und Menschen kalt nach ihrem oekonomischen Wert in nuetzlich und nutzlos einteilt? Dieses Auftreten ist nicht nur selbstherrlich, es macht Angst. Sarrazins denkt nicht anders als ein Islamist; beide loeschen sie den Geist des Grundgesetzes aus.

Kommenden Montag darf Sarrazin zur Bundespressekonferenz kommen, um sein Pamphlet offiziell zu praesentieren. Begleitet wird er von seiner Kronzeugin, der Islamkritikerin Necla Kelek. Sie soll verhindern, dass auf Sarrazin der Schatten des Rassismus faellt. Kelek ist schliesslich selbst Muslimin, sie kommt aus der Mitte der tuerkischen Gesellschaft, sie vertritt selber Thesen, die in Inhalt und Stil Sarrazins Werk aehneln. Sarrazin befindet sich also in guter Gesellschaft, wenn er  auf grosser Buehne das Feindbild Islam unters Volk bringen darf; einen gemeinsamen Auftritt mit einem kritischen Gespraechspartner im Haus der Kulturen in Berlin lehnte der Ex-Senator nach Angaben der Veranstalter uebrigens ab.

Irritiert konnte man vor einigen Tagen zur Kenntnis nehmen, dass es seine Publikation bereits auf Verkaufsrang eins des Online-Buchhaendlers Amazon geschafft hat. Die Kaeufer werden nicht allesamt Claqueure sein; viele aber duerften seine Aussagen blind unterschreiben. Moeglicherweise stimme der Tonfall nicht, heisst es oft, aber inhaltlich sei eben auch nicht alles falsch, was er sage. Im Buch finden sich zahlreiche Fehler – doch ob Thilo Sarrazin Recht hat oder nicht, spielt im Grunde keine Rolle. Wer derart diffamierend auftritt, hat den Anspruch verwirkt, ernst genommen zu werden. Beim Lesen solcher Texte geht es nicht darum, das Haar in der Suppe zu finden, sondern  den Tropfen Suppe zwischen lauter Haaren.

Gewiss hat und bereitet ein Teil der muslimischen Bevoelkerung in Deutschland Probleme. Keiner wuerde dies ernsthaft bestreiten, es braucht keinen Sarrazin, um das zu sehen. Selbstverstaendlich haben Tuerken und nicht etwa Vietnamesen die groessten Integrations-Defizite. Das liegt aber zum Teil einfach daran, dass Tuerken die groesste Migrantengruppe stellen. So koennen sie sich bequem in Parallelgesellschaften zusammenfinden. Wie sollte das den paar Vietnamesen im Land gelingen? Die Sinnlosigkeit solcher Vergleiche zeigt uebrigens ein Blick gen Osten. In Polen sind es die Vietnamesen, die nach Ansicht Vieler grosse Probleme haben und machen.

Die Welt lechzt nun aber nach einfachen Erklaerungen, einfachen Bildern. Es ist leicht, diese hinzunehmen, wenn man sich selbst in ihnen nicht wiederfindet. Ein respektvoller Umgang mit einander kann nur ueber Empathie funktionieren. Doch die so genannten Islamkritiker und ihre Foerderer machen sich offensichtlich keinerlei Gedanken darueber, welche Verantwortung sie tragen und was ihr Handeln bei den vielen muslimischen Mitbuergern anrichten kann, die unauffaellig ihrem Alltag mit Arbeit, Familie und Freizeit nachgehen, dabei kein Aufheben um ihre Religion machen, aber im Stillen dennoch Halt im Glauben suchen. Um mit Bundeskanzlerin Merkel zu sprechen: Sie fuehlen sich “aeusserst verletzt”.

Der Sarrazin-Overkill motiviert einerseits Menschen, “endlich Klartext” zu reden. Er laesst aber auch viele Menschen hilflos zurueck. Pubertierende muslimische Schueler werden in ihrem Frust bestaerkt. Akademiker sind vom Entgegenkommen fuer die Islamkritiker angewidert und sprachlos. Wurden ihre Eltern und deren Eltern nicht geholt, um die deutsche Wirtschaftskraft mit zutragen? Waren es nicht ihre Vaeter und Grossvaeter, die mit einer Staublunge aus der Kohlengrube kamen, weil sich eingeborene Deutschen zu gut dafuer waren? Mittlerweile verzeichnet Deutschland jaehrlich mehr Auswanderer als Einwanderer – und das gilt auch fuer Tuerken: 2009 kamen 30 000. Und es gingen: 40 000.

Mahatma Ghandi hat einmal gesagt: “Genugtuung liegt im Einsatz, nicht im Erreichen.” Man koennte zu Recht an dieser Stelle einwenden, die Muslime sollten sich mehr bemuehen, statt so viel zu lamentieren. Doch wenn Muslime sich fuer Fortschritt und Veraenderung in den eigenen Reihen einsetzen, bekommen sie es nicht nur mit den Fundamentalisten zu tun, die um ihren Einfluss fuerchten. In bemerkenswerter geistiger Bruederlichkeit erhalten sie Unterstuetzung durch die so genannten Islamkritiker, denen daran gelegen ist, dass der Islam fundamentalistisch und reaktionaer daherkommt. Progressive Muslime werden dann als Heuchler abgestempelt, die nicht ehrlich mit der islamischen Ueberlieferung umgehen, oder als hilflose Rufer in der Wueste. Am Dogma, dass der Islam nicht zu integrieren ist, darf nicht geruettelt werden.

Aber was wollt ihr dann von uns?