Dr. Naika Foroutan: Das Bauchgefuehl ist staerker als die Faktenlage

Wer sich die Sendung mit Thilo Sarrazin gestern Abend bei Reinhold Beckmann angeschaut hat, der wird auch die hervorragenden Argumente der zugeschalteten Politologin und Sozialwissenschaftlerin Dr. Naika Foroutan vernommen haben (siehe hier, ab 41. min.). Frau Dr. Foroutan beschäftigt sich mit Integrationsfragen und europaeisch-muslimischen Identitaetsmodellen an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Es ist erfrischend, den Gegensatz zu der Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek zu sehen, die mit Halbwahrheiten und Hetze sogar mit Ehrungen – wie dem Geschwister-Scholl-Preis und dem Freiheitspreis der Friedrich-Naumann-Stiftung – ausgezeichnet wird. Es wird Zeit, dass Personen wie Frau Dr. Foroutan, die immer noch wissenschaftlich arbeiten, anstatt nach dem Volksmund zu reden, mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Ich habe den folgenden, etwas aelteren Artikel von Frau Dr. Foroutan in der Berliner Zeitung gefunden, den ich fuer lesenswert halte:

Ob mit oder ohne Kopftuch – wir sind stolz darauf, neue Deutsche zu sein. Die Fakten zeigen: Es gibt keinen Grund für Islamphobie.

Die Schweiz macht es vor: Ein Verbot von Minaretten an muslimischen Gotteshäusern. Und das, obwohl die Regierung, die beiden Landeskirchen, die jüdische Gemeinde, die Gewerkschaften und alle großen Parteien außer der rechtspopulistischen SVP sich gegen das Verbot ausgesprochen und die Unternehmer davor gewarnt hatten. In Holland, Italien und Dänemark überlegt man, ein solches Votum ebenfalls zu initiieren. Was wird das für Folgen für Deutschland haben? Auch hier ist das Gefühl des Unbehagens, der Angst vor “den Muslimen”, längst ein gesamtgesellschaftlicher Konsens – trotz politischer und wissenschaftlicher Bemühungen um Aufklärung.

Erschreckend ist, dass der Trend zu anti-muslimischem Rassismus sich nicht vorrangig im bildungsfernen Milieu auslebt. “Vom Rand zur Mitte” heißt es in einer Studie der “Friedrich Ebert Stiftung”, die belegt, dass rassistische Ressentiments durchaus nicht nur einer versteckten Minderheit über die Lippen kommen.

Die erschreckende Zustimmung zu Thilo Sarrazins aus dem Ärmel geschüttelter “gefühlter Empirie” findet man nicht nur bei den bildungsbürgerlichen Zuhörern des “Deutschlandradios”, sondern gleichermaßen in Spiegel, FAZ und anderen Medien der aufgeklärten Mittelschicht. So steht im Weblog der Welt: “Von einer deutschen Abneigung gegen den Islam kann keine Rede sein. Wer damit die fehlende Integration so vieler Moslems erklären will, macht es sich zu leicht. Die Gründe dürften wohl eher innerhalb dieser Gruppe selbst liegen.” Begeisterte Kommentare als Reaktion – “endlich mal ein mutiger Artikel, endlich mal jemand, der die Wahrheit ausspricht. Respekt!” Peter Sloterdijks Aussage der “organisierten Feigheit vor der Wahrheit” deckt sich mit Matthias Matusseks empörter Haltung nach dem Motto: “Man wird ja wohl noch .”. Dabei fällt auf, dass sie alle auf eine vermeintliche Wahrheit hinauswollen, die endlich mal ausgesprochen werden solle – so, als ob Deutschland sich auf einem permanenten Kuschelkurs gegenüber den Muslimen befände, und nicht seit der 1998 abgeschmetterten doppelten Staatsbürgerschaft kein Tag vergeht, an dem wir nicht an unsere Bringschuld als Migranten erinnert werden.

Aber worauf basiert denn diese “gefühlte Wahrheit”? Wer ist hier in Deutschland eigentlich für die Wahrheit zuständig? Nehmen wir doch mal die Forschungsinstitute als Erforscher der empirischen Faktenwelt: Wer beachtet eigentlich die Ergebnisse all der klugen Männer und Frauen, die für das “BAMF”, für das “BMI”, für “Emnid”, “Allensbach” und “Sinus-Sociovision” Studien zu Ressourcen, Integrationsbereitschaft und Integrationsfortschritten der “Muslime in Deutschland” erarbeiten?Wer liest die Antwort der Bundesregierung auf die in den Diskursraum geschleuderte Diffamierung Wolfgang Bosbachs, der kurz nach Thilo Sarrazin die “Integrationsverweigerer” in Deutschland stärker sanktioniert wissen möchte, und der von der Faktenlage, die ihm seine Regierung daraufhin präsentierte, ganz offensichtlich nichts weiß: 77 Prozent aller zur Teilnahme Verpflichteten nahmen an den Integrationskursen teil; bei der Nichtteilnahme kann nicht von Verweigerung gesprochen werden, vielmehr von diversen Entschuldigungsgründen wie Fortzug ins Ausland, Schwangerschaft, Eintritt in den Arbeitsmarkt.

Warum geht die Studie “Muslimisches Leben in Deutschland”, die Sonia Haug vor fünf Monaten für das “Bundesamt für Migration und Flüchtlinge” erstellt hat, so sang- und klanglos an die “gefühlte Empirie” der Gesamtgesellschaft verloren? In der Studie wird den muslimischen Migranten ein deutlicher Wille zur Integration attestiert, basierend auf dem bisher größten hierzu empirisch erhobenen Datensatz. Die Studie zeigt deutlich: Wir haben keine stetig nachwachsenden Kopftuchmädchen in Deutschland: Insgesamt 70 Prozent der Musliminnen in Deutschland tragen kein Kopftuch, und die Zahl nimmt bei der zweiten Generation stetig ab. Wer kennt sie, diese Wahrheit? Warum kontrastiert sie so stark mit der vermeintlichen Kopftuchdominanz bei muslimischen Migrantinnen?

Warum findet sich keine Antwort auf Herrn Sarrazins menschenfeindliche Aussage in Bezug auf die “mangelnde Produktivität der Türken in Berlin”, die berichtigt, dass bei der türkisch-deutschen Unternehmervereinigung Berlin-Brandenburg und der Handelskammer 9 000 kleine und mittelständische Betriebe von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund geführt werden, die ca. 29 000 Mitarbeiter haben und einen Jahresumsatz von ca. 3,5 Milliarden Euro generieren.Warum antwortet niemand mit den Zahlen des “Instituts für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim”, die im April 2005 die Bedeutung der ethnischen Ökonomie in Deutschland untersucht und dabei festgestellt hat, dass im Falle der “Türken” im Untersuchungszeitraum von 1991-2003 eine Steigerung der Selbstständigkeit um über 200 Prozent zu verzeichnen ist – so viel zur Produktivität. 80 Prozent der Migranten aus muslimischen Herkunftsländern können als Einkommensquelle auf Lohn oder selbstständige Tätigk eit zurückgreifen, stellt das “Bundesamt für Migration und Flüchtlinge” in seiner Studie “Muslimisches Leben in Deutschland (2009)” dar.

84 Prozent der “Türken” in Deutschland stimmen der Aussage zu: “Ohne die deutsche Sprache kann man als Zuwanderer in Deutschland keinen Erfolg haben”, stellt eine Sinus-Umfrage fest. Auch daraus ergibt sich eine im Vergleich zur alteingesessenen Bevölkerung deutlich stärker ausgeprägte Bereitschaft zur Leistung und einen stärkeren Willen zum gesellschaftlichen Aufstieg: Mehr als zwei Drittel zeigen demnach ein modernes, individualisiertes Leistungsethos. 63 Prozent der Befragten mit türkischem Migrationshintergrund sind der Meinung: Jeder, der sich anstrengt, kann sich hocharbeiten. In der Gesamtbevölkerung stimmen dieser Aussage nur 57 Prozent zu.

Warum kontrastiert das so stark mit der gefühlten Wahrnehmung der Gesamtgesellschaft, in der fast 40 Prozent das Gefühl haben, sich “durch die vielen Muslime wie Fremde im eigenen Land” zu fühlen – wie Wilhelm Heitmeyer in seiner Studie “Deutsche Zustände” deutlich zeigt? Dazu kommt, dass drei von vier Deutschen verneinen, dass “die muslimische Kultur in unsere westliche Welt” passt und 67 Prozent die Werte des Islams mit ihren eigenen für unvereinbar halten – deutlich schwingt da der Gedanke mit, dass auch die Träger dieser Werte in die eigene Lebenswelt nicht passen. Interessant ist, dass auch diese Wahrheit von der Gesamtgesellschaft negiert wir. Deren Selbstwahrnehmung zufolge kann in Deutschland von einer verbreiteten Abneigung gegen Muslime nicht gesprochen werden.

Gott sei Dank sind es etablierte Deutsche, die diese Daten erfassen: Heiner Bielefeld mit seiner Studie “Das Islambild in Deutschland”, das “Allensbach-Institut” mit seiner Forschung “Eine fremde bedrohliche Welt”. Doch auch ein Marktforschungsinstitut ändert nichts an dem “Bauchgefühl”, denn in Deutschland steht das Bauchgefühl – besonders jenes von lauten Männern – weit über dem, was ursprünglich mal Wahrheit hieß.

Wer antwortet endlich mal der Gesamtgesellschaft, dass zwar mittlerweile jeder fünfte Bundesbürger einen Migrationshintergrund hat, dass aber von diesen knapp fünfzehn Millionen nur vier Millionen Muslime sind. Wer sagt ihnen eigentlich, dass mehr als 60 Prozent der Zuwanderer aus den Ländern der Europäischen Union kommen und nicht, wie gefühlt, “bestimmt” Türken und Araber sind, die nämlich in Wahrheit nicht einmal fünf Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen? Von einer islamischen Invasion kann also keine Rede sein – auch wenn ein Großteil des Publikums das so wahrzunehmen scheint.

Während die Realität uns Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund also durchaus bescheinigt, dass wir uns aktiv einfügen wollen, ohne unsere kulturellen Wurzeln zu vergessen, dass uns eine erhöhte Frustrationstoleranz und höhere psychische Robustheit zugeschrieben werden, dass man auf Expertenseite unsere Sprachkompetenz als Bereicherung schätzt und unsere Vermittlerrolle im kulturellen Dialog hervorhebt, unser Empathievermögen und unsere Flexibilität lobt, und während wir langsam beginnen, uns als das neue weltoffene Gesicht Deutschlands zu präsentieren, als multi-ethnische “Neue Deutsche”, beobachten wir eine rückständige, realitätsferne, griesgrämige und von Ur-Ängsten dominierte Empirie der öffentlichen Meinung.Während unsere hybride Identität uns in die Lage versetzt, “MehrHeimigkeit” als Ressource zu empfinden und unsere antagonistischen Identitätspole zu nutzen, um immer neue Wege des Selbst zu finden, die uns manchmal selbst überraschen, weil sie widersprüchlich sind oder “inkonsequent”, weil sie innovativ sind und gleichzeitig altmodische Wertewelten mitschwingen lassen, wundern wir uns teils still, teils sprachlos, teils machtlos, teils traurig, teils resigniert und teils voller Wut über die Wirkungsgewalt von Themen, die mit ihrer Diskursmacht alles auf eine Homogenisierung der Identität reduzieren.

Während ein Großteil von uns längst eine postintegrative Perspektive eingenommen hat und wir in unserem Deutschland bereits angekommen sind, während wir es formen, verändern, färben und prägen, legt sich über diese wirkliche, messbare und nachweisbare Wahrheit die träge Matrix der Hyperrealität – die Sehnsucht nach einem alten Deutschland, das vielleicht ein bisschen bunt, aber bitte ohne “die Muslime” daherkommen sollte. Diese Hyperrealität dominiert die Wahrnehmungswelt und in Folge leider unsere Lebenswirklichkeit: Mit steigenden Integrationserfolgen, Bildungsaufstieg und unserer Präsenz im Elitenraum, mit Deutsch als “Muttersprache” und Muslimen als Nachrichtensprechern und Kulturpreisträgern, beginnt die fiktive kollektive Identitätszuschreibung – “Deutsch-Sein” – als letzte sichere Ressource zu bröckeln. Dies lässt Abwehrmechanismen in der Mehrheitsgesellschaft wuchern, die ihre Identität dadurch zu festigen versucht, dass sie uns als “Andere” markiert. Dabei sind wir längst ein Paradigma. Als “Paradigma-Neudeutsche” bezeichnet uns Michael Wolffsohn: als orientalische Deutsche, Muslimisch-Deutsche, Türkisch-Deutsche, Iranisch-Deutsche, Arabisch-Deutsche – ja, das sind wir. Und stolz darauf!