Tuerkei: Eher ins Weltall als in die EU?

Hier ist ein langer, aber sehr lesenswerter Artikel aus der Basler Zeitung mit dem Titel Der Missverstandene ueber die Tuerkei und ihren Premierminister Erdogan, den ich ungekuerzt mit euch teilen moechte. 
Es ist eine sehr gelungene Analyse des Premierministers, den innenpolitischen Problemen der Tuerkei, das Aufstreben der tuerkischen Wirtschaft und ihre wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu der EU, Israel, Iran und anderen Laendern der internationalen Staatengemeinschaft. Es gibt eine etwas andere Sichtweise der Tuerkei wider, wie man es sonst in der europaeischen Presse nicht alltaeglich findet. Ich gratuliere dem Autor Kai Strittmatter fuer den folgenden, sehr gelungenen Artikel:

Tayyip Erdogan, der Premier der Türkei, provoziert in Europa heftige Kritik. Wohin will er eigentlich?

Augen auf, ihr in Europa! Die Türkei ist nicht nach Osten gerückt, sagt einer. Die Türkei ist nicht über Nacht islamisch geworden. Sie ist aus einem langen Schlaf erwacht. Ist das nun furchterregend? Und wie ist das mit dem Islamismus? Wohin treibt Premierminister Tayyip Erdogan sein Land?

Vorneweg eine Antwort von Perihan Magden, Schriftstellerin und bis vor kurzem scharfzüngigste Kolumnistin des Landes. Als Atheistin und Verfasserin eines legendären Pamphlets gegen das schlafraubende «Gekreisch» der Istanbuler Muezzine unverdächtig, Sympathien für Fundamentalisten zu hegen. Als Verfasserin einer weiteren Kolumne über einen «arroganten Macho», dessen Oberlippe ein kläglicher Schnurrbart «einem Schmutzrand gleich» ziere, von eben diesem Macho vor Gericht gebracht und wegen Beleidigung zu einer Strafe von umgerechnet 7000 Franken verurteilt. Der Name des Klägers: Tayyip Erdogan. Sein Beruf: Premierminister. «Ich habe den Mann nie gemocht», sagt Perihan Magden. «Aber ich bewundere ihn. Er hat die Türkei verändert. In ein besseres Land.» Und seine Aussenpolitik? «Macht mich stolz. So stolz, dass ich mich fast schäme.» Ist er ein heimlicher Islamist? «Blödsinn», sagt die Feministin. «Das sind die Nebelmaschinen seiner Gegner. Und ihre Propaganda treibt den Europäern Rauch in die Augen.»

Voller Widersprüche

Null Probleme. Eine schöne Parole. «Null Probleme mit allen Nachbarn.» Diese Maxime hat die türkische Regierung ausgegeben. Ein frommer Wunsch, bei dessen Formulierung manches nicht vorauszusehen war. Etwa, dass null Probleme mit einem Nachbarn, der Iran heisst, einem einen Riesenkrach mit den westlichen Partnern bescheren kann. Eigentlich habe die Türkei eine «tolle Erfolgsgeschichte zu erzählen», meint Hugh Pope, der Türkei-Experte der International Crisis Group, aber plötzlich sei sie in manchen Augen nicht mehr bloss der Nato-Verbündete, sondern auch ein riesiges Fragezeichen.

Nein, sagt Pope ungefragt, die Türkei sei kein islamistisches Land, Nein, Premier Erdogan sei kein islamistischer Führer und Nein, die Türkei habe sich nicht vom Westen abgewandt. Ein hochkomplexes Land hingegen sei die Türkei schon und für Denkfaule eine Herausforderung, denn die Türkei habe «keine Killer-Application». Saudiarabien hat sein Öl, Israel hat seine Liebesaffäre mit den USA, und der Iran ist der Böse. Leicht zu merken, leicht einzuordnen. Und die Türkei?

Ein chaotisches, dynamisches Land, das gerade vom Kopf auf die Beine gestellt wird. Und darum umso leichter mit Ausrufezeichen zu versehen ist, die es nicht verdient. Von der Türkei nehmen viele Menschen vorbeugend gern das Schlechteste an. Von ihrem Premier auch. Er macht ihnen Angst.

«Kasimpasa»

Tayyip Erdogan. Geliebt. Gehasst. Voller Widersprüche wie sein Land. Sohn eines armen Zuwanderers vom Schwarzen Meer, zur Welt gekommen im Istanbuler Werftenviertel Kasimpasa. Einer von unten. Ein schwarzer Türke. «Kasimpasa» – dieses Wort spucken seine Gegner, die weissen Türken, die dachten, dieses Land sei ihr Lehen bis in alle Ewigkeit, verächtlich aus. Prolet, heisst das. Emporkömmling. Wie kann er es wagen? In Kasimpasa hat Erdogan Sesamkringel verkauft, um zu Hause ein paar Cent abliefern zu können, hier wäre er beinahe Fussballprofi geworden. Der Vater war dagegen.

«Wir sollten den Ball nicht zu lange im Mittelfeld hin- und herschieben, wir sollten ihn reinknallen.» So spricht er heute – über mehr Rechte für Kurden. Tayyip Erdogan, clever, fromm, ehrgeizig, ging in die islamische Politik. Er wurde Handelsvertreter. Bürgermeister von Istanbul. Premierminister. «Der Architekt der neuen Türkei.» So kündigen sie ihn auf der Bühne jeweils an. Der Mann hat zuerst sein Land umgekrempelt, jetzt geht er daran, Bewegung in die Region zu bringen. Das schreckt auf.

Ein charismatischer Populist, dieser Tayyip Erdogan, und sich selbst der grösste Feind. Er verträgt keine Kritik, ist aufbrausend. Kein Intellektueller, kein Diplomat, kein fliessend Englisch parlierender Gentleman wie sein Weggefährte Abdullah Gül, der Staatspräsident. Ein Bauchmensch, emotional. Selbst Sympathisanten beissen oft die Zähne zusammen, wenn der Premier ma
l wieder ausholt, wenn er Frauen empfiehlt, dem Vaterland mindestens drei Kinder zu gebären, oder Muslimen attestiert, generell «unfähig zum Völkermord» zu sein. Schwingt Erdogan die rhetorische Keule, muss man sich ducken.

«Es gibt einen Strom hin zu mehr Freiheit»

Vor Erdogan war das in der Türkei mit den Regierungen so: Sie wurden gewählt, durften Posten und Aufträge an Freunde verteilen. Bloss regieren durften sie nicht. Das erledigten andere. Die Beamten, die Richter, die Generäle: der bürokratisch-militärische Komplex, der die Republik seit ihrer Gründung 1923 kontrollierte. Erdogans AKP hingegen versucht seit ihrem Wahltriumph 2002 das Undenkbare: Sie will regieren. In anderen Ländern heisst das: Demokratie. In der Türkei gibt es einen Aufschrei: «Revolution!» Ein Aufschrei voller Wut und Angst der einen Seite, voller Erleichterung der anderen. «Es gibt einen Strom hin zu mehr Freiheit. Da verlieren natürlich die alten Könige und Königinnen ihre kleinen Reiche», sagt die Schriftstellerin Perihan Magden.

Der Vorwurf, Erdogan wolle die Türkei in einen finsteren Gottesstaat verwandeln, diente dem alten autoritären Apparat lange Zeit als Waffe. Erdogan begann seine Karriere als Zögling des Islamisten Necmettin Erbakan, er sass 1997 im Gefängnis, weil er ein altes Gedicht rezitiert hatte: «Die Minarette sind unsere Bajonette» – Verse, die Islamkritikern egal ob in der Schweiz oder in den Niederlanden als Warnruf dienen. Was Erdogans Gegner unterschlagen: Das Gedicht ist kein islamistisches, sondern ein nationalistisches aus dem Befreiungskampf gegen Griechenland 1919. Es stand in jedem türkischen Schulbuch.

Oberstes Ziel: Geld verdienen

Von seiner islamistischen Vergangenheit hat sich Erdogan – durch politischen Vatermord – längst gelöst: Mit der Gründung der wirtschaftsliberalen und reformerischen AKP drängte er den Islamistenverein seines Ziehvaters in die Bedeutungslosigkeit. Erdogan ist der oberste Repräsentant der aufstrebenden anatolischen Bourgeoisie, die vor allem eines will: Geld verdienen.

«Ich bin nun 83 Jahre alt», sagt Ishak Alaton, bekennender Sozialdemokrat und der bekannteste jüdische Unternehmer des Landes. «Aber eine Türkei so frei, so wohlhabend und so transparent wie heute habe ich mein Lebtag noch nicht gesehen.» Ja, Erdogan hat eine nationalistische Ader, einen Hang zum Autoritären. Und ja, er hat oft gezaudert, hat viel versprochen, was er nicht halten konnte, ist mit ambitionierten Reformen gescheitert, mal an gegnerischer Sabotage, mal am eigenen Dilettantismus. Die Zahl der von ihm Enttäuschten – Kurden, Alewiten, Kopftuchträgerinnen – ist gross.

Die Doppelmoral, die er gern anderen Regierungen vorwirft, zeigt er auch selbst, wenn er um die palästinensischen Kinder weint, aber die kurdischen Kinder in den eigenen Gefängnissen gern vergisst. Aber immerhin: «Wir diskutieren heute den Völkermord an den Armeniern», sagt Perihan Magden. «Noch vor kurzem wussten wir nicht einmal, wie man das Wort buchstabiert. Erdogan hat die Herrschaft der Furcht gebrochen.» Sie erzählt vom 24. April. An dem Tag gedenken die Armenier der Massaker von 1915/16. Mit einem Sitzstreik erinnerten dieses Jahr auch ein paar Tausend Istanbuler der Vernichtung der anatolischen Armenier. «Früher hat die Polizei bei solchen Anlässen zugesehen, wie die Faschisten uns verprügelten», sagt Magden. «Diesmal haben sie sich schützend um uns gestellt.»

Es ist das türkische Paradox, dass ausgerechnet ein konservativer Muslim das Land weltoffener macht. Dieses Paradox heisst aber auch: Eine demokratischere Türkei ist nicht bloss eine, in der Liberale nach Herzenslust debattieren dürfen, in der Frauen laut nach mehr Macht rufen, in der Istanbuls Schwule und Lesben zum Christopher Street Day in Rekordzahl durch die Stadt ziehen. Es ist auch eine, in der die konservativ-anatolische, die religiöse Seite der Türkei sichtbarer ist als zuvor. «Bedroht das meinen Lebensstil? Nicht im Geringsten», sagt Perihan Magden. «Ich bin nicht alarmiert», sagt auch Ishak Alaton.

Gökhan Özgün, ein Istanbuler Werber und Altlinker, der an einem Buch über die türkische Politik arbeitet, sagt, die anatolische AKP sei die «zeitgenössischste Partei» des Landes: «Die AKP weiss, was in der Welt passiert. Und, wichtiger, sie hat eine Vision: Lasst uns die Türkei mächtiger machen und dadurch wertvoller für die EU. Und zwar erstmals in der türkischen Geschichte nicht durchs Militär, sondern durch Wirtschaftsbeziehungen und Diplomatie. Uns wurde beigebracht: Die Türkei ist von Feinden umzingelt. Diese Leute haben entdeckt: Die Türkei ist von Märkten umzingelt. Die würden noch ins Weltall, wenn man sie liesse.»

Israel, der Iran und die Türkei

Die Türkei erwacht. Und schiesst dabei manchmal übers Ziel hinaus. Zuerst Erdogans Attacken gegen Israels «Staatsterroristen». Dann das Ausscheren des Landes aus der Sanktionsfront gegen den Iran. In der Wahrnehmung vieler Leute im Westen fielen beide Ereignisse zusammen und formten einmal mehr jenes grosse Fragezeichen. Die Türkei im Bett mit der Hamas und Ahmadinejad? Eine neue islamische Front? Kaum einer machte sich die Mühe, genau hinzuschauen.

Der Fall Israel. «Die Leute vergessen, dass Israel sich geändert hat, nicht die Türkei», sagt Hugh Pope von der International Crisis Group. 2006 lud Erdogan den israelischen Präsidenten Shimon Peres ein, im Parlament in Ankara zu sprechen, später vermittelte er engagiert zwischen Israel und Syrien – bis es Anfang 2009 zur Invasion des Gazastreifens kam. Vermittler Erdogan empfand es offenbar als Verrat: «Nur zwei Tage, nachdem der is
raelische Premier sein Ja zu Verhandlungen in Ankara gegeben hatte, bombardierte Israel Gaza», erinnert sich Cüneyd Zapsu, einstiger Berater Erdogans. Und – auch das ist ein Ausfluss der Demokratisierung: Kein Politiker kann es sich in der Türkei mehr leisten, die propalästinensischen Gefühle im Volk zu ignorieren.

Der Fall Iran. Nicht islamische Verbrüderung treibt die Türkei – die gab es zwischen schiitischen Persern und sunnitischen Türken nie – sondern nacktes Eigeninteresse. 20 Prozent des türkischen Erdgases kommen aus dem Iran. Vor allem aber haben die Türken Angst vor einem neuen Krieg an ihren Grenzen. Cüneyd Zapsu spricht von einem Albtraum: «Nicht nur der Nahe Osten, die ganze Welt könnte brennen. Wir möchten nicht mitverbrennen.» Erdogan sagt, es brauche keine Sanktionen, es brauche «Diplomatie, Diplomatie, Diplomatie». Die Frage ist nur, ob Erdogan sich da nicht übernimmt.

Zu laut, zu spät, zu naiv – alles schön und gut, was die türkische Regierung nun zu hören bekommt. Was sie trifft, ist der erneute Islamismusverdacht. Stimmungsmache, die im Westen vor allem Kommentatoren aus dem rechten und dem proisraelischen Lager betreiben zu einer Zeit, da selbst die säkulare Opposition in der Türkei den Vorwurf aufgegeben hat. Das weckt Bitterkeit.

Tayyip Erdogan machte am Wochenende in Trabzon einen flammenden Appell an die EU: «50 Jahre haben sie uns hingehalten. Sie führen uns noch immer an der Nase herum, egal wie verzweifelt wir uns bemühen.» Die Türkei werde den Europäern aber nicht den Gefallen tun aufzugeben: «Wir machen unsere Hausaufgaben. Wenn ihr kein Christenklub seid, nehmt uns auf!» Sein Freund Cüneyd Zapsu sagt derweil resigniert: «Tief in den Herzen der Europäer herrscht noch immer die alte Angst vor den Türken. Die sitzt wohl in den Genen.» Vielleicht kommen die Türken ja doch eher ins Weltall als in die EU.