Der tiefe Fall der Eva Herman

Die deutsche Autorin und ehemalige Fernsehmoderatorin Eva Herman geriet 2007 in die Schlagzeilen wegen ihren missverstaendlichen Aussagen zu der Rolle der Frau und dem Nationalsozialismus. Einer der Hoehepunkte der ‘Hexenjagd’ war, als sie von Johannes B. Kerner aufgefordert wurde, seine Sendung zu verlassen.

In ihrem neuen Buch, dass im Maerz 2010 erschien, kritisiert sie die Berichterstattung über ihre Bücher und Fernsehauftritte seit 2007 als einseitig und verfälschend und wirft den Medien vor, sie wollten sie nicht zu Wort kommen lassen. In der Basler Zeitung erschien nun ein interessanter Artikel mit dem Titel Der tiefe Fall der Eva Herman:

Als Eva Herman am 6. September 2007 in Berlin ihr Buch «Das Arche-Noah-Prinzip» vorstellte, ging es darum, dass Kinder ihre Mutter bräuchten und es unverantwortlich, ja, katastrophal für ihre Entwicklung sei, sie in Krippen zu geben. Hermann beklagte die mangelnde Wertschätzung von Müttern und gleichzeitig den Selbstverwirklichungswahn der berufstätigen Frauen mit Kindern, die diesen mit der Fremdbetreuung Schlimmes antäten. Dann machte sie in diesem Zusammenhang einen etwas komplizierten Relativsatz zum Nationalsozialismus sowie zu den Achtundsechzigern. Und weil dieser Satz vom «Hamburger Abendblatt» verkürzt zitiert wurde, hiess es danach, Eva Herman verherrliche die Familienpolitik des Dritten Reiches.

Das hätte zwar gut ins Bild gepasst, da Herman bereits mit dem 2006 erschienenen Buch «Das Eva-Prinzip» heftige Entrüstungsstürme ausgelöst hatte. Sie galt als reaktionär mit ihrer Forderung, Frauen sollten ihrer natürlichen Bestimmung gemäss zu Hause bei ihren Kindern bleiben – gleichzeitig aber auch als nicht ganz glaubwürdig, zumal sie selbst bis zur Geburt ihres Sohnes mit 35 Jahren Karriere gemacht hatte.

Der Fall ins Bodenlose

Schon damals hatte sie allerdings geschrieben, dass es eben gerade die Nazis gewesen seien, die den Grundstein für den heutigen Zerfall der Familien gelegt hätten. Das interessierte im medialen Geschrei aber niemanden. Es begann eine Hexenjagd. Herman verlor ihren Job beim NDR, wo sie 20 Jahre lang tätig gewesen war, man nannte sie öffentlich «Eva Braun», Freunde gingen auf Distanz, und selbst ihre Bank kündigte ihr das Konto, mit der Begründung, sie hätte es um 250 Euro überzogen.

In ihrem neuen Buch «Die Wahrheit und ihr Preis» beschreibt sie nun ihren Fall ins Bodenlose. Kein angesehener Verlag mochte ihr Buch veröffentlichen; erschienen ist es jetzt beim Kopp-Verlag, gemäss Eigenreklame einem «Verlag und Fachbuchversand für Enthüllungsliteratur, Verschwörungen, unterdrückte Informationen und Erfindungen und Geheimgesellschaften».

Das Buch liest sich in der ersten Hälfte über weite Strecken als ziemlich schwülstige Abhandlung ihrer anti-emanzipatorischen Theorien. Feministinnen bezeichnet Herman als «Bräute des Teufels» und Gender Mainstreaming ist für sie «das grösste und gefährlichste Umerziehungsprogramm der Menschheit». Sie unterstellt Alice Schwarzer, ein vernachlässigtes Kind gewesen zu sein, das nun als Erwachsene allen anderen Kindern auch keine Geborgenheit gönnen möge und deshalb die Krippen befürworte. Das ist dumm. Auch befremden Sätze wie «Der Erwerbswahn, der kleine Kinder von ihren Müttern trennt, der Familien zerstört, der die Liebe tötet, er macht aus Menschen Monster!» doch sehr. Oder: «Die Gleichstellung der Frau, die zum Grundgerüst des Sozialismus und Kommunismus gehört, hat in den zurückliegenden Jahrzehnten zahlreiche Gesellschaften an den Rand des Zusammenbruchs geführt.»

Mit Ironie geschrieben

Im zweiten Teil beschreibt sie auf beinahe 100 Seiten minutiös den Ablauf jener Sendung, die in die Fernsehgeschichte Deutschlands eingegangen ist: Einen Monat nach der verhängnisvollen Buchpräsentation wirft Moderator Johannes B. Kerner vor laufender Kamera Eva Herman aus der Sendung. Dieser Teil liest sich, trotz einiger verbaler Entgleisungen, gut: Er ist amüsant und mit überraschend viel Ironie geschrieben.

So wenig man mit der Weltanschauung der Eva Herman einig sein mag: Was sie in ihrem Buch berichtet und teilweise auch mit Beweisen untermauern kann – sie hat gegen mehrere deutsche Titel geklagt und jedes Mal recht bekommen –, stellt der deutschen Presse ein miserables Zeugnis aus. Um sich verteidigen zu können, brauchte sie beispielsweise die Aufnahmen der Buchpräsentation; die Herausgabe sei ihr, so schreibt sie, von allen Fernsehsendern, die vor Ort gewesen waren, verweigert worden. Als sie nach zwei Wochen im Internet endlich fündig wurde und sie alle Anschuldigungen widerlegen konnte, druckte die «Bild am Sonntag» die Richtigstellung zwar ab, aber da war der Schaden längst angerichtet.

Legendärer TV-Rauswurf

Dass der Vorwurf, sie vertrete braunes Gedankengut, falsch war, wusste auch Johannes B. Kerner. Die Originalversion des verhängnisvollen Satzes habe ihm vorgelegen, schreibt Herman, genauso die Analyse eines Sprachwissenschaftlers, der bestätigte, dass sie damals mitnichten im positiven Sinn Bezug auf die Nazis genommen hatte. Kerner interessierte sich nicht dafür. Seine Sendung war als Tribunal geplant, als eigentliche Inquisition. Er wollte eine Entschuldigung von Herman, eine reuige Sünderin, die öffentlich um Vergebung fleht. Herman weigerte sich, versuchte richtigzustellen, was es richtigzustellen gab, Kerner hörte gar nicht zu. Zum Schluss warf er ihr noch vor, den Begriff «Gleichschaltung der Presse» benutzt zu haben, was eindeutig Nazivokabular sei. Herman erwiderte, dass sich der Begriff doch längst im allgemeinen Sprachgebrauch eingebürgert habe und man ja auch auf Autobahnen fahre, die damals gebaut worden seien. Darauf fordert Kerner Eva Herman auf, das Studio zu verlassen.

Und wieder wird sie falsch zitiert. Deutschlands grösste Nachrichtenagentur, die DPA, formuliert den Satz so: «Wenn man nicht über die Familienwerte der Nazis sprechen darf, kann man auch nicht über die Autobahnen sprechen, die damals gebaut worden waren.» Alle übernehmen den nachweislich falschen Satz, von «Bild» bis zum «Spiegel», und alle sind sich einig: Eva Herman sympathisiert definitiv mit dem Nazitum. Sie ist endgültig erledigt.

Der eigentliche Skandal

Weil dieser Vorwurf, besonders in Deutschland, noch immer und sehr verlässlich tödlich ist, arbeitet die 51-Jährige, in vierter Ehe verheiratete Mutter eines Sohnes heute als freischaffende Publizistin. Im Vorwort ihres Buches schreibt sie, es gehe ihr nicht um «kalte Rache». Rachsüchtig wirkt es auch nicht, selbst wenn sie gegen zahlreiche bekannte Journalisten Spitzen lanciert und sich mitunter im Ton vergreift.

Es ist vielmehr der nachvollziehbare Versuch einer tief gefallenen Frau, die Öffentlichkeit dazu zu bringen, sich ihre, die richtige Version der Geschichte anzuhören. Und ja, ihre anti-emanzipatorische Mission nimmt bisweilen sektenhafte Züge an, und ja, sie hat einen Hang zu Verschwörungtheorien und sieht sich in der Rolle der Märtyrerin, die man mit der Nazikeule mundtot gemacht hat, weil sie nicht dem Zeitgeist entsprechende Ansichten vertritt. Dennoch bleibt das unangenehme Gefühl, dass sie nicht ganz unrecht hat damit. Das ist der eigentliche Skandal, nicht ihre gestrig anmutenden Theorien. Entschuldigt habe sich bis heute niemand bei ihr. Die deutsche Presse schweigt «Die Wahrheit und ihr Preis» mehrheitlich tot. Nur die «FAZ» schrieb: «All jene, die sich für Medien interessieren oder selbst in ihnen arbeiten, sollten dieses Buch lesen.»