Hier der gute Westen – dort die boesen Muslime

In der Sueddeutschen Zeitung hat Tanjev Schultz die Buecher der verlorenen Schwestern Hirsi Ali und Necla Kelek rezensiert. Eine sehr gelungene Rezension, die nichts schoenredet, und sehr klar die Motivation der beiden Damen analysiert. Lest selbst:

Religiöse Riten sind für Ungläubige oft schwer zu begreifen. Das enthebt niemanden der Pflicht, Toleranz zu üben. Man kann sich wundern über bestimmte Gebote einer Religion, man kann sich auch abgestoßen fühlen. Aber nicht jede religiöse Vorschrift ist gleich ein Angriff auf die allgemeinen Menschenrechte. Warum nur weigern sich Islamkritikerinnen wie Necla Kelek und Ayaan Hirsi Ali beharrlich, solche einfachen Unterscheidungen zu beherzigen?

Beide werden nicht müde, einen Kampf der Kulturen zu beklagen, zu dem sie selbst mit vollen Backen blasen. Sie attackieren den Islam für seine Ignoranz und ignorieren dabei selbst die große Vielfalt an Strömungen und Auslegungen dieser Religion. Sie machen sich unangreifbar gegen Kritik, weil sie ihren Status als Opfer einer frauenfeindlichen Religion in immer neuen biographischen Erzählungen befestigen und Widerspruch sich nun immer erst des Verdachts erwehren muss, man nehme das Schicksal dieser Autorinnen nicht ernst.

Also zunächst die unvermeidliche Solidaritätsadresse: Necla Kelek hat sich dem Patriarchat entzogen, Ayaan Hirsi Ali dem Islam den Rücken gekehrt. Dafür werden sie von radikalen Muslimen verfolgt, beschimpft und bedroht. Die Autorinnen verdienen jeden erdenklichen Schutz und ihre Widersacher Verachtung für ihre Militanz. So wie es die katholische Kirche aushalten muss, wenn über ihr Frauenbild gestritten wird, müssen es auch die Muslime aushalten.

Wie klug und konstruktiv jedoch ist es, wenn Kelek nicht nur (und natürlich zu Recht) die weibliche Genitalverstümmelung geißelt, sondern auch noch die Beschneidung der Jungen? Diese sei medizinisch angeblich „schädlich” und löse „Kastrationsängste” aus: „Es widerspricht der Würde des Menschen, einem Kind ein solches Blutopfer abzuverlangen.” Kelek erwähnt kurz, dass Juden die Beschneidung ebenfalls verlangen. Demnach müssten auch sie Verächter der Menschenwürde sein. Keleks Furor kennt kein Maß.

So grenzenlos ihre Kritik, so eng und geordnet ist ihr Weltbild: hier der gute Westen, dort die bösen Muslime. Hier Kelek, dort die tumben „Wächter des Islam”. Muslime sind frauenfeindlich und militant, der Islam erscheint als einzige Bedrohung. Eine „verstehende Haltung” gegenüber dieser Religion wird als „Kapitulationserklärung” abgetan. Und gleich auf der ersten Seite ruft Kelek jene Bilder auf, die den guten deutschen Christen in seinem Schauer abholen sollen: „Frauen mit Kopftüchern, die in ihren bodenlangen Mänteln den Kinderwagen durch die Straßen schieben” oder „die selbstbewussten Islam-Bitches, die ihren Hintern in enge Jeans zwängen und das Ganze mit einem kunstvollen Turban auf dem Kopf krönen”. Selbstbewusste junge Frauen sind für Kelek offenbar sehr schlimm, wenn sie es wagen, ein Kopftuch zu tragen. Wie können sie nur!

Schiffauers Scharfsinn

Vielleicht können sie es, weil der Islam eben nicht so monolithisch frauen- und menschenfeindlich ist, wie Kelek glauben machen will. Als Soziologin ist sie einmal angetreten, aber ihr fehlt jeder Sinn für die nötigen soziologischen Analysen: für die verschiedenen Richtungen des Islam; für die vielfältigen Aneignungsmuster der Religion bei jungen Migranten; für die Mischungen vorreligiöser Sitten, islamischer Traditionen und moderner Lebensweise. Und so fehlt ihr erst recht der Sinn für die Wahrnehmung von Verschiebungen im Lager der Islamisten.

Soeben hat der Kulturanthropologe Werner Schiffauer eine „Ethnographie” der Milli-Görüs-Bewegung vorgelegt („Nach dem Islamismus”, Suhrkamp Verlag, 15 Euro). Darin beschreibt er, wie sich in dieser Gemeinschaft, die in Deutschland meist nur als möglicher Verfassungsfeind wahrgenommen wird, eine neue Generation von Intellektuellen herausbildet, die den Islamismus überwinden könnte; eine Generation, die sich bemüht, den Islam aus der Verquickung mit der Politik zu lösen. Für solche Strömungen, die wichtig sind, wenn der Kampf der Kulturen keine sich selbst erfüllende Prophezeiung sein soll, ist Kelek blind.

Ayaan Hirsi Ali ist es auch. Sie schreibt, mehr noch als Kelek, in der ersten Person Singular und berichtet in oft ermüdenden Details aus ihrem Leben. Dieses Leben ist zwar, weil von Ortswechseln geprägt, sehr bewegt, aber wirklich bewegend an dem Buch ist nur ein „Brief an die Großmutter”.

Obwohl Ali die (bereits tote) Großmutter anklagt, ist noch verwandtschaftliche Nähe zu spüren, der Schmerz und die Trauer, die Loyalität und das Lossagen werden hier eindrucksvoll geschildert. Die Großmutter war gefangen in den Traditionen und hielt auch ihre Enkelin darin fest, bis Ali ausbrach. Mit der Großmutter sei eine „Blutlinie” verschwunden „und auch die idiotische Tradition, Pferdestuten und Kamelstuten höher zu schätzen als Töchter und Enkelinnen”. Wenn ein Sohn zur Welt kam, hat sich die Großmutter gefreut. Bei der Geburt eines Mädchens „hast du abschätzig geschnalzt”. Ali greift ihre Großmutter an und sagt doch: „Ich liebe Dich.”

Ausführlich beschreibt Ali ihre Verwandten, ihre Geschwister und Cousinen, sie berichtet über die Wanderschaft von Afrika nach Saudi-Arabien, nach Europa und Amerika, vom Leben in Holland und in New York – und das leider in vielen überflüssigen Details („Ein paar Rollerskates sausten an mir vorüber; eine Frau mit zwei Kindern in einem Zwillingsbuggy joggte heran”).

Am Ende geht es Ali ja doch nur darum, den Westen vor dem Islam zu warnen (als sei das noch nötig) und die Christen aufzurufen, eifrig zu missionieren. Ali setzt auf einen „Wettstreit zwischen den Religionen” und hofft, obwohl selbst längst Atheistin, die Christen könnten als Erste ans Ziel kommen. Wie Kelek will auch Ali nicht verstehen, dass bei einem so unerbittlichen Wettbewerb, wie sie ihn sich wünschen, am Ende niemand gewinnen kann.